Berlin : Auf die Plätze, fertig, beten: Christen rocken gegen Mai-Randale

Gunda Bartels

Am letzten 1. Mai hat es bereits bestens funktioniert, das Gewaltritual durch gemeinsames Beten zu brechen, meint Pfarrer Axel Nehlsen von „Gemeinsam für Berlin“. Das christliche Netzwerk ist einer der Veranstalter des zweiten Open- Air-Gebetsgottesdienstes auf dem Kreuzberger Myfest und hat diesmal rund 700 Christen mobilisiert. Ihr Motto: „Wir stehen auf für unsere Stadt! Generationen, Einheit, Verantwortung“.

Die schlichte Bühne steht an der Stirnseite des Mariannenplatzes, direkt vor der imposant in den blauen Himmel gereckten St.-Thomas-Kirche. Ringsum an den Festbuden wird schon heftig gebrutzelt, als sich ein Haufen gut gelaunter Teenies vor der Bühne zu einer Tanzeinlage mit bunten Fahnen versammelt. Die Tanzgruppe der evangelisch-freikirchlichen „Gemeinde auf dem Weg“ möchte Gott auch mit dem Körper loben. „Wir wollen zeigen, dass mit Gott leben korrekt ist, voller Freude ist. Und dass heute Abend in Kreuzberg alles cool läuft“, sagt Benjamin Thull. Er und die anderen Kids mögen charismatisch angelegte Gottesdienste in freier Form, deren rockige christliche Popmusik gerade lautstark über den langsam voller werdenden Platz scheppert.

„Auf die Plätze, fertig, los. Sechs Minuten Zeit zum Beten!“, schallt es anschließend von der Bühne. Und schon finden sich die mit diesem Aufruf offensichtlich vertrauten Menschen in kleinen Gruppen zu leise gesprochenen Gebeten zusammen. In einer ersten, so genannten Gebetseinheit bitten sie um Schutz für Polizisten, Demonstranten und für einen friedlichen 1. Mai. Und in einer weiteren für Berlin, alle Familien, Bildung, Arbeit und Brot. Dazu erklingt leise meditative Musik. Nur die Hubschrauber am Himmel und gelegentliches Gegröle von bierseligen Passanten stören die andächtige Stille.

Carsten Henze von der landeskirchlichen Apostel-Petrus-Gemeinde in Reinickendorf ist ebenfalls überzeugt, dass der Gebetsgottesdienst einen friedlichen 1. Mai schafft. „Gott erhört uns und darum wird es besser.“ Er bezeichnet sich als wiedergeborener oder lieber als entschiedener Christ, der wie viele auf dem Mariannenplatz eine bewusste Entscheidung für Gott getroffen hat.

Sein Gemeindepfarrer Swen Schönheit hält die kurze Predigt, in der Berlin als Stadt im Mittelpunkt steht. Er fordert ein Umdenken in den Kirchengemeinden, wo viele sich zuerst in der Gemeinde engagieren und für die Stadt nichts übrig bleibt. In der Bibel wird die Stadt als Persönlichkeit gesehen, deren Schicksal Christen mitbestimmen. Seine Botschaft findet er beim Propheten Jeremia: „Bemüht Euch um das Wohl der Stadt und betet für sie. Denn wenn es ihr gut geht, wird es auch Euch gut gehen.“ Das nehmen hier alle wörtlich.

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