Berlin : Auf die Stelle, fertig, los

Sabrina Born

"Sie sind volljährig, besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft, denken und handeln christlich, demokratisch und marktwirtschaftlich? Und Sie verfügen auch über die nötige Medientauglichkeit? Großartig. Dann lehren Sie Merkel, Stoiber und Schäuble bald das Fürchten. Denn mit diesen Eigenschaften sind Sie die oder der geeignete/r Kanzlerkandidat/in der Union für die Bundestagswahl 2002." Das verspricht sinngemäß ein Stellenangebot, das am vergangenen Sonntag im Tagesspiegel erschien.

Ergreifen CDU und CSU jetzt völlig neue Maßnahmen im Streit um die Kanzlerkandidatur?, fragten sich die Leser der Stellenannoncen verwundert. Schließlich verwirrt die K-Frage seit Wochen die gesamte Union. CDU und CSU können sich bislang nicht einigen, wer gegen Bundeskanzler Gerhard Schröder im kommenden Jahr antreten wird. Verständlich, dass nun Bewerber außerhalb der eigenen Reihen, unverbrauchte Kräfte aus dem Volk also, das Kandidaten-Karussell komplettieren sollen.

Doch in der Parteizentrale der CDU herrscht Ratlosigkeit. "Wir wissen nichts von der Stellenanzeige", beteuerte CDU-Sprecherin Eva Christiansen auf Anfrage. Wer aber steckt sonst hinter dem Inserat? Unter der angegebenen Rufnummer meldet sich Axel Svehla von der "Agentur Consulting and Headhunting International Berlin". Er will Namen, Alter, Konfession und Beruf wissen. Kenntnisse über Grundgesetz und Nationalhymne werden abgefragt. Auch Engagements für Kinder, Tiere, Asylanten oder den Weltfrieden zählen. Sein wahres Ich gibt Axel Svehla, Redakteur des ARD-Politmagazins "Kontraste", erst nach einigen Minuten zu erkennen.

"Die Idee zum Inserat kam gemeinsam mit Kollegen. Wir haben überlegt, von welcher anderen Seite wir die Verwirrung um die Kanzlerkandidatur zeigen können", sagt Axel Svehla. Von der Reaktion war er selbst überrascht. "Einige dutzend Bewerber haben sich gemeldet, ein Drittel mit ernsthaftem Interesse, andere rein aus Neugier." Kirsten L. war von der Anzeige begeistert. "Ich würde eine ganze Menge besser machen als Frau Merkel", sagt die 50-Jährige selbstbewusst. Auch die 38-jährige Sekretärin und Mutter von zwei Kindern Sabine P. traut sich die Kandidatur zu. "Mein Engagement gilt vor allem der Familienpolitik", begründet sie ihre Entscheidung. Das Rennen in der Kandidaten-Kür machte Ludger P., der mit Frau und Kindern am Stadtrand von Berlin lebt. Der 46-jährige Soziologe überzeugte das Kontraste-Team nicht nur durch seinen Nadelstreifenanzug, sondern auch durch seine Statements zur inneren und äußeren Sicherheit. Mit welchen Argumenten Ludger P. für sich wirbt und ob er es mit Merkel, Stoiber und Schäuble aufnehmen kann, davon können sich Fernsehzuschauer heute Abend selbst überzeugen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar