Berlin : Auf die "Weißen Mäuse" müssen die EU-Staatschefs verzichten

RAINER W.DURING,WERNER SCHMIDT

BERLIN .Heute abend landen in Tegel die ersten EU-Regierungschefs - dann steht Berlin bis Freitag im Zeichen des EU-Sondergipfels.Die Polizei will die Behinderungen so gering wie möglich halten und rechnet hauptsächlich mit zeitweiligen Sperrungen durch Demonstrationen.Das Protokoll kommt der Polizei entgegen.Weil es sich um ein Arbeitstreffen handelt, wird es kein großes Protokoll geben: Die Fahrzeugkolonnen der Gipfelgäste bekommen keine Motorrad-Eskorte.

Wenn heute abend und morgen früh in Tegel rund 30 Maschinen die EU-Regierungschefs zum Europa-Gipfel einfliegen, werden die normalen Flugreisenden davon kaum etwas merken."Die Maschinen werden ganz normal in den Anflugverkehr eingetaktet", sagt Gerhard Schanz, Sprecher der Deutschen Flugsicherung.Linienpassagiere brauchen keine Verspätungen zu befürchten.Zwar werden die Rufzeichen der Präsidentenmaschinen auf den Radarschirmen der Fluglotsen mit dem Zusatz "Government" als Regierungsjets gekennzeichnet.Eine bevorzugte Behandlung würden sie jedoch nicht erhalten, so Schanz.Nur wenn Verspätungen zu befürchten seien, bekämen die Flugzeuge mit den Politikern Vorrang.Die Ankunft der Teilnehmer erfolgt im militärischen Nordteil des Flughafens, fernab vom zivilen Flugverkehr.

Das Protokoll beim Empfang der Regierungschefs wird kleingeschreiben.Der Gipfel wird nicht als Staatsbesuch, sondern als Arbeitstreffen eingestuft, heißt es beim Auswärtigen Amt in Bonn.Auf die sonst beim Empfang von Staatsgästen übliche Düsenjäger-Eskorte wird ebenso verzichtet wie auf eine Ehrenkompanie und das Musikkorps zum Abspielen der Nationalhymnen, so Oberstleutnant Dobrig von der Pressestelle der Bundeswehr.Noch nicht einmal ein Roter Teppich wird ausgerollt.Da die Präsidenten teilweise im 10-Minuten-Abstand einschweben, wäre dazu überhaupt keine Zeit.

Das deutlich reduzierte Protokoll macht sich bei der Fahrt zum Hotel bemerkbar: Die EU-Staatschefs werden nicht, wie sonst üblich, von einer Motorradeskorte begleitet.Die Kolonne wird vorn und hinten von einem Polizeifahrzeug begleitet.Voraus fährt ein Lotse: "Es wurde alles etwas runtergefahren", sagte ein Polizeibeamter.Erst zum Besuch des bulgarischen Staatspräsidenten Petar Stojanow am Donnerstag nachmittag werde eine Eskorte aus sieben Motorradfahrern die Kolonne begleiten.Er kommt allerdings nicht zum EU-Gipfel.

Insgesamt hat die personell derzeit recht ausgedünnte Verkehrspolizei 300 bis 400 Beamte eingesetzt, um die Verkehrsströme während der beiden Gipfeltage zu leiten.Verkehrsprobleme werden lediglich durch die Demonstrationen erwartet, nicht durch die Fahrten der EU-Delegationen: Bei den Fahrten einzelner Delegationsmitglieder werden Kreuzungen und Straßeneinmündungen kurzfristig gesperrt.

Während der Bauerndemonstration allerdings muß, wie berichtet, schon von den Morgenstunden des morgigen Mittwochs an mit Beeinträchtigungen gerechnet werden.400 Trecker aus dem Umland und insgesamt 3000 Teilnehmer werden erwartet.Sie sammeln sich am Gärtnereiring in Spandau, am Lichtenrader Damm in Tempelhof, in Dahlewitz-Hoppegarten und in Malchow.

Von dort aus geleitet die Polizei die mit nicht schnelller als 20 Stundenkilometern fahrenden landwirtschaftlichen Fahrzeuge bereits von 6.15 Uhr an teils quer durch die Stadt zum Startpunkt der Demonstration am Theodor-Heuss-Platz.Außerdem werden 45 bis 50 Busse erwartet, die weitere Demonstranten in die Stadt bringen.Zwischen 10 und 14 Uhr muß zwischen Theodor-Heuss-Platz und Großem Stern mit erheblichen Verkehrsbehinderungen gerechnet werden, die auch die BVG-Buslinien weitestgehend lahmlegen werden.

Jeder Feuerlöscher ist eine potentielle Bombe

Jürgen Janetzke ist Security Manager des Inter-Conti / 24-Stunden-Tag für die Sicherheit beim Gipfel

BERLIN (lvt).Jürgen Janetzke läßt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen.Oft genug hat der "Security Manager" des Inter-Continental-Hotels Situationen erlebt, in denen er spontan auf Unvorhergesehenes reagieren mußte, ohne dabei die Sicherheit der Gäste aus dem Auge zu verlieren.Aber manchmal passiert es auch einem erfahrenen Sicherheits-Chef, daß er einen kräftigen Adrenalinstoß bekommt, sagt der 49jährige.

Lachend erinnert er sich an den Besuch von US-Präsident Clinton im vergangenen Mai: "Eines Morgens sagte mir plötzlich einer von Clintons Sicherheitsleuten, daß der Präsident gleich im Zoologischen Garten hinter dem Hotel spazierengehen möchte.Da brach bei mir der Angstschweiß aus, denn darauf war ich nicht vorbereitet." In Windeseile ließ Janetzke dann den Hintereingang des Zoos auf mögliche Sicherheitsrisiken überprüfen, kümmerte sich um die nötigen Schlüssel für das Tor, besprach mit dem Zoodirektor die Route.In weniger als einer halben Stunde war alles vorbereitet, der spontane Zoobummel zu einem Hochsicherheitsereignis gemacht.

Wenn sich jetzt für zwei Tage die politische Elite Europas im Interconti trifft, liegt die Sicherheit der Staatsgäste im Hotel wieder in den Händen von Janetzke und seinen Leuten.15 Männer verstärken während des EU-Gipfels das fünfköpfige Team, das normalerweise die Gäste des Hauses schützt.

Obwohl seine Leute nahkampftrainiert sind und "für alle Fälle" immer einen Revolver unter dem Jackett tragen, sei ihr wichtigstes Werkzeug der Kopf, betont Janetzki."Ich brauche keine Muskelmänner.Meine Leute müssen wachsam sein, Ruhe bewahren und brauchen diplomatisches Fingerspitzengefühl." Janetzke, der bis 1992 Verbindungsbeamter zwischen Westalliierten und deutscher Polizei war, plant seit Monaten jedes Detail, um eine Gefährdung der hohen Gäste in seinem Hotel auszuschließen.Immer wieder untersuchen seine Leute gemeinsam mit den Beamten von Bundes- und Landeskriminalamt die 510 Zimmer und Konferenzräume, verdächtige Gegenstände werden überprüft, jeder Feuerlöscher könnte eine potentielle Bombe sein.

Oft ist Janetzke im 24-Stunden-Einsatz.Im Hotel bewohnt er ein Zimmer, seine Frau und die beiden Kinder wird er erst wieder sehen, wenn das Gipfeltreffen vorbei ist.Aber dann steht schon der nächste Großeinsatz bevor: Am kommenden Wochenende treffen sich im Interconti europäische und asiatische Wirtschaftspolitiker.

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