Berlin : Auf Du und Du mit dem Bezirk

Thomas Loy

Dieser Tage denkt Juppy viel über die Welt nach. Über US-Präsident Bush, den Irak und – weitab davon – das friedliche Tempelhof-Schöneberg. „So kann man mit der Welt nicht umgehen“, sagt Juppy dann, und zwar so, als würde er dem US-Präsidenten direkt ins Gewissen reden. So von Staatsmann zu Staatsmann. In seinem Gemeinwesen, der Ufa-Fabrik „hat in 27 Jahren noch keiner eins auf die Fresse gekriegt“. Warum? Na, wegen der vielen Kultur.

Juppy, Gründervater und Chefvermarkter des Kulturzentrums, denkt auch viel über die Menschen in seinem Kiez nach, vor allem über die jüngeren. Denen fehlen Skaterwege und ein BMX-Rad-Parcours, meint Juppy. Generell gesprochen: „Orte positiver Ekstase“. Der Flughafen Tempelhof könnte so ein Ort werden, das hat er schon vor 15 Jahren im Fernsehen gesagt. „Kultur fängt bei unseren Kindern an, nicht bei der Deutschen Oper.“ Nach diesem medientauglichen Statement putzt sich der langhaarige Alt-Kommunarde erstmal mit saugstarkem Graupapier die Nase.

Am 11. 11. wird Juppy, der vor 37 Jahren aus der Nähe von Trier nach Berlin eingewandert ist, 58 Jahre alt. Seinen bürgerlichen Namen Hans-Josef Becher hat er vor Ewigkeiten abgelegt, um weltweit das „Du“ zu befördern und Hierarchien einzuebnen. Am liebsten duzt Juppy Politiker. Er bezeichnet den ehemaligen CDU-Bezirksbürgermeister von Tempelhof, Dieter Hapel, als seinen Freund, lässt sich aber keine parteipolitischen Präferenzen entlocken. Die links-alternativen Leute von der Ufa-Fabrik mussten ihren Lebenstraum in einer konservativen Umgebung verwirklichen. Juppy hat früh die Umarmungstaktik perfektioniert: den Gegner durch Offenheit entwaffnen.

Tempelhof-Schöneberg sei ein „toller Bezirk“, sagt Juppy. Was die Gegend so toll macht, weiß er aber jetzt gerade nicht. Ist es nicht das Image von Tempelhof, kein Image zu haben? Juppy murmelt etwas, das wie Zustimmung klingt. Es gehe jetzt darum, dem Stadtteil eine Mitte zu geben, ein Zentrum, das sich zwischen Ufa-Fabrik, Ullsteinhaus und Hafen erstreckt. Die Ufa-Leute hatten für den lange Zeit vernachlässigten Tempelhofer Hafen ein Nutzungskonzept mit kleinen Geschäften, Dienstleistungen und viel Kultur ersonnen. Dann kam ein Investor und wollte vor allem Verkaufsfläche bauen und vermieten. Aber nicht die Öko-Reformer aus der Ufa-Fabrik protestierten, sondern die grüne Baustadträtin Elisabeth Ziemer. Juppy sieht in einem Investor vor allem den Menschen, gefangen im Netz seiner Abhängigkeiten. „Der hat doch nich alleene die Kohle.“ So ein Investor muss pfleglich behandelt werden, sonst springt er ab. Dieses Feingefühl vermisst Juppy, der Linksalternative, bei manchem etablierten Bezirkspolitiker. Es scheint, Juppy ist weise geworden. Vielleicht ist er auch nur wertkonservativ.

Seine CD zur Fußball-WM trägt den Titel „Deutschland ist okay“. Juppy mag fast alle Deutschen, sogar den viel gescholtenen Klaus Landowsky. Nur die Steuerflüchtlinge mit Erstwohnsitz Monaco passen nicht in sein großes Herz. Sein aktueller Jobwunsch ist Innensenator. „Ich wäre der beliebteste Senator der Stadt“, sagt er. Fehlt nur noch die Partei, die ihn aufstellt.

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