Berlin : Auf eigene Faust

Goethes Osterspaziergang 2003: Gewimmel am Hackeschen Markt und ein vom Eise befreiter Hafen

Heidemarie Mazuhn

Ostern wird spaziert – das gehört in vielen Familien ebenso zur Tradition wie in der Schule seit ewigen Zeiten Goethes „Osterspaziergang“. Generationen von Schülern mussten das Stück aus dem „Faust“ auswendig lernen. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick“ beginnt der literarische Spaziergang – und mehr haben sich die meisten auch nie davon gemerkt. Kann man überhaupt auch heutzutage auf Faustens Spuren österlich wandeln? Ein Selbstversuch.

„Der alte Winter, in seiner Schwäche, zog sich in rauhe Berge zurück. Von dort her sendet er, fliehend, nur ohnmächtige Schauer körnigen Eises“ – da gab der April erst jüngst beinahe Goethe mit eisigen Temperaturen Recht. Vom Eise befreit sind zu Ostern 2003 in Berlin aber auf jedem Fall die Gewässer - auf dem Neuen See im Tiergarten paddeln längst wieder Enten und erwecken bei einer Promenadenmischung den verschütteten Jagdinstinkt. Laut kläffend jagt das Hündchen in Richtung Wassergetier. Die alte Dame am anderen Ende der Leine hat sichtlich Mühe, ihren vollschlanken Liebling vom Ufer auf den Parkweg zurückzuzerren.

„Doch an Blumen fehlts im Revier, sie nimmt geputzte Menschen dafür“. Da irrt Goethe – zumindest zu diesem Ostern in Berlin. Narzissen und Osterglocken, Forsythie und Tulpen, Krokusse und Primeln – überall blüht es geradezu verschwenderisch. Und das nicht etwa nur in Vorgärten und Balkonkästen, sondern auch auf dem Tempelhofer Damm. Zwischen den blechernen Strömen blüht es dort gelb, rot und weiß auf dem Mittelstreifen – die Frühlingspracht lässt dem Betrachter geradezu das Herz aufgehen. Auch an der Urania und am Potsdamer Platz breiten sich die Frühlingsboten prächtig aus. Im Lustgarten sind es mehr die Ostertouristen. Sie schwärmen von dort zum Berliner Dom oder zur Nationalgalerie aus. Geputzte Menschen à la Goethe sind kaum dabei – in Turnschuhen und Jeans sind die meisten eher praktisch gekleidet. Aus einem himmelblauen Trabi vergangener DDR-Produktion mit Dresdner Kennzeichen winden sich fünf junge Leute und formieren sich zum Erinnerungsfoto an Ostern anno 2003.

„Aus dem hohlen finstern Tor dringt ein buntes Gewimmel hervor“. Gedränge herrscht am Eingang zu den Rosenhöfen an der Sophienstraße. Finster ist hier aber nichts. Die niegelnagelneue Attraktion am Hackeschen Markt präsentiert sich hell und freundlich. Blumen wuchern vorerst nur am Treppengeländer – kunstvoll geschmiedet und goldfarben. Dafür zeigen frisch gepflanzte junge Bäume ihr erstes Grün. „Jeder sonnt sich heute so gern“ schreibt der Osterspaziergang literarisch vor – bei angesagten stürmischen, aber immerhin 20 Grad könnte das Ostergeschäft auf den gastronomischen Plätzen nicht nur um den Hackeschen Markt im Freien klappen.

„Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, aus Handwerks- und Gewerbebanden, aus dem Druck von Giebeln und Dächern, aus der Straßen quetschender Enge, aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht sind sie alle ans Licht gebracht“. In der kleinen Mulackstraße mit ihren uralten Häusern ist bei schönem Wetter die von einem Ehepaar liebevoll gepflegte Grünanlage mit Bänken, Tischen und Spielgerät das öffentliche Wohnzimmer für die Kiezbewohner. „Hier ist Gras gesät“, mahnt ein Dreikäsehoch die fremden Besucher auf „seinem“ Spielplatz. Ein an dessem Rande aufgestelltes hölzernes Kreuz mahnt auch – an die im Krieg getöteten Kinder vom Irak erinnert es die Passanten. Von denen gibt es aber gerade nur wenige in der seit der Wende aufgeblühten Alt-Berliner Gegend – nur eine Katze schleicht die stille Straße entlang.

„Und bis zum Sinken überladen, entfernt sich dieser letzte Kahn“. Im Treptower Hafen gehen die Passagiere der Stern und Kreisschifffahrt auf Nummer sicher – auf der gerade in See stechenden „Luna“ sitzen die meisten lieber unter Deck. An Land lockt die Hafenräucherei auf einem Plakat mit „Forellen aus Löcknitz“.

Im nahen Treptower Park sprudelt es zu Ostern – wie auch andernorts am Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus und im Lustgarten – schon aus dem Brunnen. „Ich denke, die haben kein Geld“, zweifelt ein Spaziergänger die Zahlungsfähigkeit der Treptower an. In dem grünen Bezirk wird scheinbar auch gern gefeiert – Sekt- und Bierflaschen sind auf einer Wiese statt blühender Blumen verstreut, und verkohlte Reste lassen an ein vorgezogenes Osterfeuer denken.

Augenblicklich benehmen sich nur die Tauben an der Treptower Hafenpromenade etwas auffällig. Versuchen sie doch, den Spatzen die ergatterten Brocken wegzuschnappen. Entfernt sind auch Schwäne zu erspähen, denen Spaziergänger ein österliches Zubrot zuwerfen. „Draußen am Falkenhagener See sind die Höckerschwäne zurück“, gibt eine Tierfreundin ihr Wissen aus der Brandenburger Fauna weiter, „die halbwilden Havelschwäne sind Nachkommen aus Züchtungen am Hofe Friedrich II., des Königs von Preußen“. Die Rostbratwürste am S–Bahnhof Treptow sind dann nicht aus Preußen, sondern echte Thüringer. Türkisches gibt es auch – in dem Bistro lässt sich ein junges Paar sein Ostermahl schmecken: Döner und dazu einen Kümmerling. Was hat Johann Wolfgang uns dazu zu sagen: „Hier ist des Volkes wahrer Himmel, zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“

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