Berlin : Auf einem Boot wird das Politiker-Schwätzen verlernt - oder beigebracht

KNA

Zehn Minuten bis zum Reichstag. Weiter sollte es nicht sein. "Damit es die Abgeordneten pünktlich vom Unterricht zur nächsten Sitzung schaffen", erklärt Peter H. Ditko, Chef der "Berliner Rednerschule" für Bundestagsabgeordnete. Mehr als 20 Jahre unterrichtete der Rhetorik-Lehrer Parlamentarier in Bonn. Jetzt zieht seine Schule mit ins neue Zentrum der Politik: auf ein Schiff an der Spree. Am heutigen Dienstag legt das umgebaute Schubschiff aus DDR-Zeiten an der Weidendammer Brücke, Nähe Bahnhof Friedrichstraße, an. Der endgültige Liegeplatz an der Marschallbrücke - einen Steinwurf vom neuen Bundestagsgebäude entfernt - ist noch Baustelle und soll in einem Jahr fertig sein.

Als Ditko 1978 die Gründung der Rednerschule plante, prophezeiten ihm viele einen Flop. "Wer als Abgeordneter nach Bonn kommt, hat das Reden gelernt", habe er zu hören bekommen. Da es aber bis dahin keine solche Ausbildungsstätte für Politiker gab, versuchte es der studierte Volkswirt trotzdem. Offensichtlich mit Erfolg: "Bis zu 15 Prozent der Bundestagsabgeordneten lassen sich pro Legislaturperiode von einem meiner zehn Mitarbeiter oder mir schulen", berichtet Ditko. Die meisten der Politprofis kämen nach einer katastrophalen Rede im Plenum. Erst dann überwänden sie ihre Hemmschwelle. Manche würden sogar vom Fraktionsvorstand geschickt.

"Viele atmen falsch", erläutert Ditko, "und betonen an verkehrter Stelle". So vermitteln sie falsche Botschaften. Neben Atem- und Sprechtechnik komme es auf die Körpersprache an. "Einem stocksteifen Redner wie früher Rudolf Scharping kauft man seine Aussagen einfach nicht ab." Schließlich müssten Sprache und Aufbau einer Rede stimmen, denn nur wer bildreich und präzise formuliere, wecke das Interesse seines Publikums. Ein Punkt, der Politikern besonders schwer beizubringen ist, so findet der Chef der Schule: "Viele Abgeordnete haben einen übertriebenen Darstellungstrieb und neigen zum langatmigen Schwätzen."

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