Berlin : Auf einer Parkbank im Mai

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Um den rechteckigen Koppenplatz in Mitte stehen 21 Parkbänke. An einer Schmalseite steht ein Tisch, und an dem Tisch ein abgerückter Stuhl, als sei da jemand eben mal aufgestanden, um gleich zurückzukehren. Aber auf der anderen Seite des Tisches liegt ein umgeworfener Stuhl. Umgestoßen trifft’s besser als umgeworfen. Das gibt dem Bild beträchtliche Bedenklichkeit. Sagte ich schon, dass Tisch und Stühle aus schwerer Bronze sind? Fest verankert auf einer ebenfalls bronzenen, vier mal fünf energische Schritte messenden Fläche mit Parkettmuster. Dieses ganze Bild umrahmt ein Gedicht von Nelly Sachs: . . .O die Wohnungen des Todes, / Einladend hergerichtet/ Für den Wirt des Hauses, der sonst Gast war –/ O ihr Finger,/ Die Eingangsschwelle legend / Wie ein Messer zwischen Leben und Tod -// O ihr Schornsteine / O ihr Finger / Und Israels Leib im Rauch durch die Luft!

Ich hatte mir das im letzten Hochsommer an diesem Tisch sitzend aufgeschrieben, und die dabei aufgestützten Arme ertrugen kaum die Hitze des Metalls. Jetzt, mit dem in Kraft tretenden Mai ging ich in milder, fliedriger Abendluft dorthin, weil der Koppenplatz einer meiner Lieblingsplätze in Berlin ist. Ich setzte mich auf eine Bank, und von der Uhr des Türmchens der ausgedienten, nun für Theaterproben genutzten alten Grundschule schlug es blechern neune. Auf beschriebenem Tisch, die Füße auf den leicht abgerückten Stuhl gesetzt, saß ein junger Mann und las im nachlassenden Licht. Er erwies sich als schwedischer Austauschstudent der TU und erkundete per Rad die touristisch kaum belaufenen Stellen Berlins. Ob er denn wisse, dass er hier auf einem Denkmal sitze? Ja. Er machte auf seine Weise Gebrauch von diesem Bild. Und sagte: Der Untergrund gefällt mir sehr. Er sieht so schön benutzt aus. Aus dieser Benutzbarkeit leitete er wohl in seiner Unbefangenheit den Gebrauch dieses Platzes ab. Warum sollen wir denn immer nur vermeintlich ehrfurchtsvoll vor einem Denkmal stehen? Wir begreifen es doch besser, indem wir von ihm Besitz ergreifen, von einem sinnbildlichen Tisch zum Beispiel, einem Stuhl auch. Und vom Koppenplatz lässt sich ein denkwürdiger Bogen zum Bayerischen Platz schlagen, also nach Schöneberg. Diesen Platz säumen 20 Bänke. Arme Teufel bilden palavernd und mit Pullen gesondert eine Bank-Gesellschaft. Und auf dem schönen Brandwandbild Rosenheimer-/Ecke Landshuter Straße blicken wir auf den Bayerischen Platz, wie er an allem Anfang mal ausgesehen hatte. In der Bildecke rechts unten sitzt allein und unbehelligt auf einer weißen Bank ein alter Mann mit Zylinder und freundlich karikiertem Aussehen eines Juden.

An der Platzseite zur Grunewaldstraße hin hängt am Laternenpfahl eine Tafel, auf deren einer Seite auf grünem Untergrund eine rostrote Parkbank zu sehen ist, auf der anderen Seite dies geschrieben steht: Juden dürfen am Bayerischen Platz nur die gelbmarkierten Sitzbänke benutzen. (Augenzeugenberichte 1939). Eine der im Bayerischen Viertel angebrachten Tafeln für Orte des Erinnerns. Für mein Empfinden sind es die hilfreichsten Hinweise aufs Unbegreifliche, das mit teuflischen Demütigungen begann und im Völkermord endete.

Eigentlich hatte ich für heute hier vor, den ersprießlich in Kraft getretenen Mai mit Muße von einer Parkbank aus zu besingen. Aber wer spazierend von seiner Stadt richtigen Gebrauch macht, stößt immer wieder auf scheinbar banale Gegenstände, die bei naher Betrachtung eine beklemmende Bildkraft bekommen. An ihnen klebt Geschichte. Das aber setzt voraus, dass wir grundsätzlich bereit sind, unsere Geschichtsbetrachtung nicht auf die lange Bank zu schieben. Unsere Sprache ist reich an Bildern. Und die Bilder können uns manches erzählen. Das sind keineswegs immer schöne Geschichten.

Der eine Stuhl ist nur abgerückt, der andere aber umgestoßen. . .

99 ZEILEN SCHWERK

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