Berlin : Auf Eroberungskurs

Epigenomics, vielversprechendes Biotechunternehmen, startet nach einem Rückschlag durch – mit einem neuen Chef

Maren Peters

Geert Walther Nygaard versucht gar nicht erst wie ein jungdynamischer Gründer rüberzukommen, das gehört auch nicht zu seinem Job. Der 46-jährige Däne, der seit Anfang Februar Chef der Berliner Biotechnologiefirma Epigenomics ist, trägt Anzug und Krawatte, die kurzen grauen Haare sind gegelt, die Haut ist gebräunt. Ein Manager, wie er im Marketing-Buch steht. Nygaard wird dafür bezahlt, Ordnung in ein Unternehmen zu bringen, das sich nach bewegter Gründungsphase, anstrengendem Börsengang und einem geplatzten Deal mit einem großen Pharmakonzern wieder berappeln muss, und zwar möglichst schnell. „Ich bin sehr strukturiert“, sagt er. Das kann er bei seinem neuen Arbeitgeber sicher gut gebrauchen.

Epigenomics gehört zu den vielversprechendsten Berliner Biotechnologieunternehmen. Die 1998 gegründete Firma mit Sitz am Hackeschen Markt entwickelt blutbasierte Tests zur Früherkennung von Krebs. Die versprechen zwar gute Geschäfte – Nygaard spricht von einem weltweiten Marktpotenzial von mehr als einer Milliarde Dollar allein bei Darmkrebs-Tests. Aber es gibt einen großen Haken: Die Tests sind noch nicht auf dem Markt. Der Schweizer Pharmakonzern Roche hatte die Zusammenarbeit bei zwei Produkten zur Früherkennung von Darm- und Prostatakrebs Mitte Dezember aufgekündigt, weil er den Forschungsstand für ungenügend hielt. Epigenomics versteht das bis heute nicht. Die Börse reagierte schockiert: Der Aktienkurs verlor fast 50 Prozent seines Wertes. Epigenomics war für die Forschung und Entwicklung, Roche für die Vermarktung zuständig. Ohne einen neuen, finanzstarken Partner können die Berliner das Projekt kaum stemmen. „Die nächsten neun Monate werden für Epigenomics von vitaler Bedeutung sein“, hatte ein Finanzanalyst im Dezember prophezeit.

Nygaard legt großen Wert darauf, dass er erst nach dem Rückzug von Roche entschieden hat, nach Berlin zu ziehen. Ein kräftiger Vertrauensvorschuss, schließlich gab der studierte Chemiker mit 20-jähriger Erfahrung in der Diagnostikindustrie den sicheren Job als Geschäftsführer von Abbott Deutschland in Frankfurt dafür auf. „Epigenomics hat eine solide Technologie“, sagt Nygaard. „Ich glaube wirklich, dass wir viel bewegen können.“ Die Börse glaubt an ihn: Der Aktienkurs stieg um zehn Prozent, als bekannt wurde, dass der Däne den vakanten Vorstandssitz übernimmt.

Der war zuvor fünf Monate leer geblieben, nachdem im vergangenen August der Gründer und Vorstandschef von Epigenomics, Alexander Olek, überraschend ausgestiegen war. Olek baut inzwischen die Privatschulkette Phorbs auf. „Alex ist ein typischer Entrepreneur“, sagt sein Nachfolger. „Er hat wahnsinnig viele Ideen, aber wenig Geduld in der Umsetzung.“ Ein paar Mal hätten sie sich zum Essen getroffen, sagt Nygaard, aber es klingt nicht so, als würden die beiden dicke Kumpel werden. Der neue Chef bevorzugt langfristige Ziele, die auch Investoren zu schätzen wissen. „Ich will in fünf bis zehn Jahren eines der führenden Diagnostikunternehmen schaffen“, sagt er. Und stellt vorsichtshalber klar: „So lange bleibe ich.“

Seine Vision, sagt er, sei eine kleine Schachtel mit Reagenzgläsern und dem Schriftzug von Epigenomics an der Seite. „Wir wollen damit so schnell wie möglich am Markt sein.“ Er weiß, dass ihm wenig Zeit bleibt, das erste Produkt zu lancieren, denn auch Konkurrenten arbeiten an den lukrativen Krebstests. Je schneller die Partnersuche abgeschlossen ist, desto schneller kann das Unternehmen Geld verdienen, das es dringend benötigt. „Wir sind in Gesprächen“, sagt Nygaard. Und: „Mir ist sehr bewusst, dass wir uns finanzieren müssen.“ 2008 soll der Test auf den Markt kommen.

Die Geschäfte könnten besser laufen. Im vergangenen Jahr sank der Umsatz von Epigenomics auf 3,5 Millionen Euro, nach 9,6 Millionen Euro im Vorjahr. Gleichzeitig stieg der Verlust um 50 Prozent auf rund 16 Millionen Euro. Weil Forschung und Entwicklung teuer sind, schmelzen die Barmittel schnell dahin. Ende 2006 waren noch 17,3 Millionen in der Kasse, das reicht voraussichtlich noch bis zum ersten Quartal 2008. Um zu sparen, hatte das Unternehmen schon im vergangenen Oktober die Kosten kräftig gekürzt, 33 der insgesamt 115 Mitarbeiter – 80 arbeiten in Berlin – entlassen und die Forschung auf den aussichtsreichen Darmkrebstest konzentriert. Andere Projekte wie Tests zur Erkennung von Prostata- und Lungenkrebs werden auf Sparflamme weitergeführt.

Dass Nygaard unter Zeitdruck steht, lässt er sich nicht anmerken. Die Hände des Managers, der gerne Golf und Tennis spielt, liegen ruhig auf dem Tisch, er lächelt entspannt. Vorerst hat er sich eine Wohnung am Hackeschen Markt gemietet, eine Domizil für die Familie sucht er noch. Vorher hat er im ruhigen Umfeld Frankfurts gelebt, nun schwärmt er von der Dynamik Berlins. „Ein super Standort“, sagt er. „Ich verstehe wirklich nicht, warum nicht mehr Biotechunternehmen in der Stadt sind.“

Die Serie finden Sie auch im Internet: www.tagesspiegel.de/chancen

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