Berlin : Auf großer Bühne

Hayriye Aydin ist von der Abschiebung bedroht – gestern feierte sie mit Bundespräsident Köhler

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Vor dem Schloss Bellevue, 19.20 Uhr: Unter einem dunklen Baum steht Hayriye Aydin, sie wartet auf die Passkontrolle und friert. „Mir is’ kalt“, sagt sie. Ihre Freunde Merve und Mirko nicken, auch sie bibbern in der Dunkelheit. Dann endlich beachtet sie ein Polizist. „Kommen Sie herein“, bittet er leise. Hayriye lächelt.

Im Schloss Bellevue, 19.50 Uhr: Grell flackern die unzähligen Lichter der Fotografen, die bunten Mikrofone der Fernsehsender baumeln vor ihrem Gesicht. Hayriye hält sich am Stehtisch fest. „Wie geht es dir?“ – „Was sagt der Bundespräsident?“ – „Hier ist die BBC, nur eine Frage!“ Hayriye fällt vor Schreck der Kaugummi aus dem Mund.

Hayriye Aydin, 17, hat es zu einiger Berühmtheit gebracht, auch wenn sie „gut darauf verzichten“ kann, wie sie am Abend sagt. Ihren Eltern und einem Teil der Geschwister steht die Ausweisung in die Türkei bevor – trotz Unterschriftensammlungen, Protesten und Bedenken von vielen Politikern. Dass sie von Bundespräsident Horst Köhler zur Popnacht „Bellevue unplugged“ ins Schloss eingeladen wurde, war eher „Zufall“, sagt sie.

Im Herbst hatte sie mit ihren Freunden Merve, 16, und Mirko, 26, einen Spaziergang durch Kreuzberg organisiert; „Jüdisches Leben und Judenverfolgung in der Oranienburger Straße und der Skalitzer Straße“, hieß die Veranstaltung. „Hier, zeig’ ich dir“, sagt sie und holt das kleine Begleitheft zum Spaziergang aus einer Tasche. „So eins gebe ich dem Bundespräsidenten nachher auch.“

Als Hayriye draußen noch friert, ist es im Schloss schon gut gefüllt. 250 Jugendliche hat der Bundespräsident geladen, Hayriye wird wegen ihres Engagements gegen Antisemitismus geehrt. Die Popbands Mariannenplatz, Keimzeit, Stoppok und Juli spielen auf einer kleinen Bühne im oberen Stockwerks von Schloss Bellevue. „Dabei höre ich doch lieber R’n’B“, sagt Hayriye und lacht, „du kennst doch den Sänger Azad, oder?“

Hayriye Aydin ist in Friedrichshain aufgewachsen, gut integriert, ihr Vater hat beim Asylantrag Anfang der Neunzigerjahre nur nicht das kurdische Bergdorf als Herkunftsort angegeben, sondern die Bürgerkriegsstadt Beirut. Betrug, die Behörden haben das schnell entdeckt. Hayriye Aydin droht jetzt zwar nicht sofort die Abschiebung, sie darf wie ihre 15 und 19 Jahre alten Schwestern die Schule beenden. Zumindest war das der Stand von Mittwochmittag. „Da habe ich die Meldung im Radio gehört“, sagt Hayriye und knüpft ihren Mantel zu.

Die Meldung formulierte der Sprecher von Innensenator Ehrhart Körting (SPD), Hubertus Benert, am Nachmittag so: Wenn die jungen Frauen schulisch weiterhin so gute Leistungen zeigen würden, „werden sie später einen Ausbildungsplatz in Berlin finden. Und wenn sie sich finanziell über Wasser halten können, spricht wenig dagegen, dass sie weiterhin hier leben können.“ Körting stehe einer dauerhaften Aufenthaltsberechtigung „wohlwollend“ gegenüber. Das will die Elternvertreterin Svenja Pelzel nun schriftlich haben. Und Hayriye sagt: „Soll ich mich freuen, wenn ich ohne meine Familie hier bleibe?“ Sie weiß nicht einmal, ob die Familie die Nachricht schon gehört hat, „das ist so viel Paragraphendeutsch.“

Um 21 Uhr läuft im Schloss Bellevue endlich Gitarrenmusik. Der Präsident hat den Gästen gesagt, dass sein Amtssitz „heute ruhig beben darf.“ Hayriye steht mit Merve und Mirko am Stehtisch, die Fotografen drängen sich nun vorne um Köhler. „Ich treffe mich mit ihm später“, sagt Hayriye, „in aller Ruhe, in einem separaten Raum.“ Dann wolle sie erzählen, was sie für einen Spaziergang gegen Antisemitismus oranisiert hat – und wer sie überhaupt ist. „Aber jetzt“, sagt sie, „lass uns Musik hören, okay?“ Dann fängt sie an, im Takt der Musik zu wippen.AG/dma

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