Berlin : Auf Haar und Leber

Die Charité hat eine Analyse entwickelt, die Alkoholmissbrauch genau nachweisen kann

-

41 Menschen verletzte der damals 16-jährige Neuköllner, als er nach der Eröffnung des Hauptbahnhofs mit einem Messer Amok lief. Ein Blutalkoholtest soll ergeben haben, dass der Jugendliche knapp zwei Promille hatte. Dies könnte Einfluss auf die Schuldfähigkeit und somit auf die Strafe haben. Deshalb soll im Prozess ein Charité-Gutachten klären, ob der Jugendliche schon vorher regelmäßig Alkohol getrunken hatte und somit ein Gewöhnungseffekt eingetreten war.

Herr Pragst, eine von Ihnen entwickelte Haaranalyse soll Auskunft über den Alkoholkonsum des Jugendlichen geben. Weshalb überprüft man nicht einfach seine Leberwerte?

Die Leberwerte sind nicht so zuverlässig. Sie können beispielsweise durch Medikamente oder Krankheiten wie Hepatitis verfälscht werden. Zum Teil kommt es auch vor, dass Menschen eine gegen Alkohol unempfindliche Leber haben und sich deshalb der Missbrauch nicht in den Werten niederschlägt.

Es ist das erste Mal, dass Ihr Institut ein Gutachten für ein Strafverfahren erstellt. Wer sind sonst Ihre Auftraggeber?

Bislang sind wir vor allem für Fahreignungsprüfungen nach einem Führerscheinentzug tätig geworden. Für Tüv und Dekra haben wir bundesweit inzwischen rund 70 Analysen durchgeführt – Tendenz steigend. In Einzelfällen haben aber auch Familienrichter eine Analyse angefordert, wenn sie über das Sorgerecht zu entscheiden hatten. Kanadische Krankenhäuser haben jüngst unsere Methode übernommen, um zu testen, ob werdende Mütter regelmäßig trinken.

Sind auch schon deutsche Arbeitgeber an Sie herangetreten?

Nein, während in Amerika ein sogenanntes Workplace-Testing sehr verbreitet ist, haben die Gewerkschaften in Deutschland Drogentests am Arbeitsplatz grundsätzlich verhindert. Allerdings wird auch in den USA nicht Alkohol- sondern Drogenmissbrauch geprüft.

Also basiert Ihr Alkohol-Haartest immer auf Freiwilligkeit der Betroffenen?

Ja, außer im Strafverfahren, bei dem ein Richter die Analyse anordnet. Wir hatten auch schon einen Fall, wo ein Vater seiner Familie beweisen wollte, dass er seit Monaten nicht mehr getrunken hat.

Wie viel Haar musste der Mann lassen?

Wir nehmen immer zwei Haarbüschel am Hinterkopf, die jeweils eine kahle Stelle mit dem Durchmesser etwa eines Zehn-Cent-Stücks hinterlassen. Dieses führt aber nicht zur kosmetischen Entstellung, da die Stellen von darüber fallenden Haaren verdeckt werden. Eine Probe wird als Rückstellprobe nicht angerührt. Sie wird – ähnlich wie beim Doping – für den Fall aufbewahrt, dass die Analyse angefochten wird.

Was kostet eine Analyse?

Das Verfahren ist ziemlich kompliziert, weil wir es nur mit Spuren zu tun haben und man für den Nachweis teure Geräte braucht. Jeder einzelne Test kostet rund 200 Euro, wir nehmen aber am Institut zurzeit nur 100 Euro, weil wir die Ergebnisse auch für die Forschung verwenden.

Wie kommt denn der Alkohol ins Haar?

Das ist ein sehr komplizierter Vorgang. Ich versuche es also einmal stark vereinfacht auszudrücken: Beim Stoffwechsel wird ein kleiner Teil des getrunkenen Alkohols in Fettsäureethylester umgewandelt. Wir haben festgestellt, dass Spuren davon über die Talgdrüsen ans Haar abgegeben werden. Der Fettsäureethylester-Wert im Haar bleibt noch monatelang erhöht, selbst, wenn der Betroffene aufgehört hat zu trinken.

Und zu welchem Ergebnis kam Ihre Analyse beim Amokläufer?

Darüber kann ich keine Auskunft geben.

Das Gespräch führte Katja Füchsel.

Fritz Pragst (64)

ist Professor für forensische Toxikologie am Institut für Rechtsmedizin der Charité. Es weist als bundesweit einziges Institut Alkoholkonsum anhand von Haarproben nach.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben