Berlin : Auf Heller und Pfennig

Ein Studienrat soll eine 99-Jährige betrogen haben 540 000 Euro von ihrem Konto sind verschwunden

Kerstin Gehrke

Mit dem Laufen klappt es nicht mehr. Die Sehkraft hat sie fast verloren. Aber der Geist der 99 Jahre alten Dame ist rege. „Ich hatte volles Vertrauen“, erklärte sie dem Richter. Der Mann, der für sie das Finanzielle regeln sollte, sei schließlich Lehrer gewesen, „zudem an einer höheren Schule“. Dann streicht sich die Frau das weiße Haar zurück und sagt mit festem Ton: „Ich habe ihm kein Geld vermacht.“

Peter H., der rund 540 000 Euro vom ihren Konten veruntreut haben soll, ist für sie „der Mann von Frau Doktor“. Über ihre Ärztin hatte sie den heute 53-jährigen kennen gelernt. Charlotte K. war 95 Jahre alt, als sie eine Vertrauensperson suchte, die sich um „die Schreibarbeiten und das mit der Steuer“ kümmern sollte. Frau Doktor habe ihren damaligen Mann empfohlen.

Fast schwärmerisch sprach der Angeklagte von den Besuchen bei der Neuköllner Rentnerin. Bei Kaffee und Kuchen habe er der Witwe Gedichte vorgelesen. „Ich hatte sie einfach gern.“ Eines Tages habe seine Frau dann einen „Packen Sparbücher“ mit nach Hause gebracht. Er habe die Rentnerin daraufhin gefragt, ob seine Frau wirklich darüber verfügen dürfe. Die alte Dame habe ihm erklärt: „Ich gebe viel lieber mit warmen Händen als mit kalten.“ Charlotte K. aber schildert das vor dem Richter ganz anders: „Ich habe nur unterschrieben, dass er berechtigt ist, für mich Geld abzuheben.“ Sie habe ihrer langjährigen Augenärztin tatsächlich das Vermögen, das sie selbst geerbt hatte, einmal vermachen wollen. „Aber erst nach meinem Tode.“ Doch nun sind die 14 Konten, die sie hatte, so gut wie leer. In der Anklage heißt es, der Studienrat habe ihm erteilte Vollmachten ausgenutzt. Durch Bargeldabhebungen bis zu 7000 Euro und Geldüberweisungen bis zu 240 000 Euro soll er sich das Vermögen der Rentnerin angeeignet haben.

Inzwischen ist die Ehe geschieden, und H. ist mit der einst besten Freundin der Ärztin zusammen. Der Trennungskrieg tobt auch im Gerichtssaal. Peter H. beteuerte seine Unschuld und wetterte gegen seine Geschiedene. Sie sei es gewesen, die das Vermögen verballert habe - für eine neue Praxis, ein schickes Auto, Luxus-Möbel… Nach Version des Lehrers wurde eine offizielle Schenkung vermieden, weil die Rentnerin „absolut die Steuer vermeiden wollte“. Sie habe sogar zur Bedingung gemacht, dass niemand von dem Geldtransfer erfahren solle. Doch Charlotte K. widersprach empört, sie habe immer Steuern gezahlt. „Auf Heller und Pfennig!“ Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt. Kerstin Gehrke

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