Berlin : Auf Kollisionskurs

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Betrifft: Polizei

Braucht eine Stadt so viele Polizisten? Braucht ein Schiff so viele Rettungsboote? Nein, eigentlich nicht. Das Meer ist blau, die Sonne scheint, kein Eisberg in Sicht, und die Kriminalstatistik an Bord sinkt sogar. Also volle Kraft voraus. Immerhin zeigt die MS Hamburg, dass der Kahn ohne diesen Ballast sogar noch schneller und genauso effizient durch das Meer schneidet. Im günstigsten Fall konnte man das eingesparte Geld dann sogar für die Kultur (Robbie Williams als Bordkapelle) oder neue Fünf-Sterne-Kajüten verwenden. Clever.

Moment, bitte! Eine Reform, sprich: Veränderung, so schmerzhaft sie besonders für Beamte ist, ist nie verkehrt. Gerade, wenn man sich das Bild der vielen altgedienten Kapitäne in der Führungsebene der Polizei vor Augen führt, die sich auf der Brücke im Tempelhofer Präsidium gegenseitig auf die Füße treten und dabei den Horizont aus den Augen verlieren – auch, was das Equipment der staatlichen Sicherheitsorgane betrifft. Schusswesten, digitaler Funk, Poliks. „Bademeister“ Körting leistet im Rahmen seiner Jobausschreibung die Arbeit, die man erwarten kann, aber auch muss. Was gleichzeitig beinhaltet, dass er sich gelegentlich die rosarote Badekappe überzieht, wie z.B. in der positiven Bewertung des polizeiinternen Computersystems Poliks, das auch Monate nach seiner Einführung noch Mängel zeigt.

Abbau der Sozialleistungen, immer mehr verschuldete Haushalte, Ausdünnung der Mittelschicht – Spannungsfelder bleiben der Stadt erhalten, und man muss kein Pessimist sein, um vorauszusagen, dass Straftaten nicht aus der Mode kommen werden. Berlin braucht seine Polizei. Eine, die gut ausgebildet, qualifiziert und kompetent ist und auch in rauem Gewässer gut schwimmen kann. Eine, die im Notfall sofort zur Stelle ist. Der Nichtschwimmer und Mann mit der Bordkasse, Finanzsenator Thilo Sarrazin, denkt da eher pragmatisch. Rationalisieren, einsparen, minimieren. An einen Notfall denkt er dabei eher nicht. Genauso wenig wie an eine unterbesetzte Polizeiwache in einer Samstagnacht in Gegenden wie Neukölln, Marzahn oder Prenzlauer Berg, Wedding oder Mitte. Wie sicher würden sich die spät an Deck promenierenden Berliner, pardon: Passagiere, wohl fühlen, wenn ihr irritierter Blick statt auf Holzwände ins Leere fiele? Denken wir einfach nicht daran. Also her mit den Einsparungen und Reformen und volle Kraft voraus.

Und sollte dennoch mal ein Eisberg in Sicht kommen, könnte die Brücke über eines der (noch nicht eingeführten) Digitalfunkgeräte ja immer noch schnell ein paar Rettungsboote ordern.

Karsten Neulich, Wittenau

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