Berlin : Auf Messers Schneide

„Aug. Nicolai“ schließt nach 160 Jahren Bislang fand sich kein Nachfolger fürs Fachgeschäft

Sarah Burmester

Schreckschusswaffen, Linkshänderscheren oder japanische Kochmesser: Im Fachgeschäft „Aug. Nicolai“ kann man fast alles kaufen, was aus Metall ist. Allerdings nicht mehr lange. Denn nach 40 Jahren hinter der Theke ihres Ladens in der Friedenauer Rheinstraße 18 haben Klaus und Sieglinde Görlich beschlossen, in Ruhestand zu gehen. Mal reisen, endlich mehr Zeit mit den Enkeln verbringen. Anderthalb Jahre lang haben sie einen Nachfolger gesucht: Jemanden, der von Messern, Scheren und Bestecken etwas versteht, aber auch in der finanziellen Lage ist, das Lager mit Produkten im Wert von 180 000 Euro zu übernehmen - doch es fand sich niemand.

Aug. Nicolai – nach dem Gründer August Nicolai benannt – ist ein Traditionsgeschäft, über 160 Jahre besteht der Metallwarenfachhandel bereits in Berlin und ist damit das älteste Fachgeschäft der Branche. An den Umsätzen liegt es nicht, dass der Laden schließt. Auf wenigen Quadratmetern finden sich Metallwaren, säuberlich in die hohen Schränke sortiert. Im Angebot: über 650 verschiedene Taschenmesser, 170 verschiedene Scheren, aber auch Darts sowie Zubehör für die Restauration alter Bestecke. Fürs Schloss Bellevue hat der gelernte Messerschmied Klaus Görlich 6900 Silberbestecke in Schränke eingebaut. An Berlins Gerichte lieferte er Handschellen, und die Feuerwehr stattete er mit einem speziell entwickelten Taschenmesser aus. Es gibt auch viel Altmodisches: etwa klassische Rasiermesser, wie man sie vom Barbier kennt. Das Schärfen auf dem Lederriemen kann man sich noch bis zum 30. Mai von Klaus Görlich im Laden an der Rheinstraße zeigen lassen.

Hochwertige Produkte, gepaart mit Know-how - dies sind Wirtschaftsexperten zufolge Deutschlands Stärken; auch die Macher von Aug. Nicolai haben darauf gesetzt. Für das Fachgeschäft gab es durchaus qualifizierte Nachfolge-Anwärter, die jedoch finanziell nicht in der Lage waren, den Laden zu übernehmen. Ein Kunde, der für seine Tochter ein Kinderbesteck ersteht, hat da auch schon seine Erfahrungen gemacht. „Versuchen Sie doch einmal, von einer Bank einen Kredit für eine Geschäftsübernahme im Einzelhandel zu bekommen.“ Viele Kunden wie er bedauern, dass Aug. Nicolai schließen muss, sie schätzten die fachkundige Beratung. Die Kunden stammen aus ganz Berlin, viele kommen seit Jahren. Seit Beginn des Räumungsverkaufs herrscht im Laden einiger Andrang – denn um ihre Lagerbestände aufzulösen, bieten die Görlichs Rabatte von bis zu 50 Prozent. Da kommen viele noch einmal während der letzten Tage vorbei.

Zum Beispiel Harald Müller. Er wohnt mittlerweile in Prenzlauer Berg, hat seiner Auskunft nach dort aber noch kein Geschäft gefunden, das ein ähnliches Angebot biete wie Aug. Nicolai Stahlwaren. Er ist froh, dass er von einem Freund erfuhr, dass es den Räumungsverkauf gibt. Er ist noch einmal hergekommen, weil er ein Messer kaufen will. Geduldig stellt sich Müller im gut besuchten Geschäft an – wie ein anderer Kunde aus Zehlendorf. Der Mann investiert jenen Betrag in ein japanisches Kochmesser, den man sonst beim Kauf eines gebrauchten Kleinwagens aufbringen muss.

Ohne Nachfolge zu bleiben und das Geschäft nun schließen zu müssen – das haben sich die Görlichs so nicht vorgestellt. „Manchmal bekommen wir ein richtig schlechtes Gewissen, wenn wir mitbekommen, wie sehr die Kunden das bedauern.“

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