Berlin : Auf Messers Schneide

Am Admiralspalast gehen die Arbeiten auf Hochtouren weiter An Baustellen als Veranstaltungsorte ist man aber gerade in Berlin gewöhnt

Andreas Conrad

Der erste Stau im Tiergartentunnel – doch, so etwas gab es wirklich – fand in der Nacht vom 24. auf den 25. November 2000 statt. Das war lange vor der Eröffnung, und so standen die Tunnelmenschen damals auch nicht Stoßstange an Stoßstange, sondern Ellenbogen an Ellenbogen, Po an Po. Rund 1600 Gäste waren zur Premiere von „Drei Engel für Charlie“ in die Röhre unter dem Sony-Glaspalast geladen, der damals noch Baustelle war. Das hat niemanden gestört, die Arbeiter hatten ja auch alles fein beiseite geräumt, aber egal: Baustelle bleibt Baustelle.

Da sind also die Gäste der „Dreigroschenoper“-Premiere am morgigen Freitag im Admiralspalast bauhistorisch in gar nicht so schlechter Gesellschaft, wenn sie an herumstehendem Gerät und durch unfertige Räume in den Saal schreiten – sofern die Bauaufsicht des Bezirks tatsächlich mitspielt und die bei der Begehung am Dienstag festgelegten Auflagen erfüllt werden. An diesem Donnerstag soll, wie berichtet, noch einmal eine amtliche Prüfung der Baustelle erfolgen, die Bauherren verbreiten Optimismus, dass sie diese Hürde endgültig nehmen. „Wir schaffen das“, versicherte Pressesprecherin Lone Bech. „Wir arbeiten die angesprochenen Sachen jetzt ab“ – den Hof beispielsweise, der am Dienstag noch ohne Pflasterung war. Es sei ohnehin eine vorzeitige Inbetriebnahme beantragt gewesen.

Die Sicherheit ist also, sofern alles doch noch klappt, gewährleistet und die Premiere mit Klaus Maria Brandauer als Regisseur und Campino als Mackie Messer, damit möglich. Baustelle wird der Admiralspalast dennoch sein. Dass die Zuschauer sich davon schocken lassen, ist aber unwahrscheinlich. Gerade im Berlin der Nachwendezeit sind derartige Provisorien nicht ungewöhnlich gewesen. Auf jeden Fall machten sie einen erheblichen Teil des Reizes dieser Stadt aus. Und dort, wo Baustellen erfolgreich zu Schaustellen erklärt wurden, vermag eine Schaustelle, die noch Baustelle ist, kaum zu irritieren.

Die Feier im Tunnelrohbau war kein Einzelfall in Berlin. Manches Paar Pumps wurde ruiniert, als im ehemaligen Weinhaus Huth an der Alten Potsdamer Straße, heute Sitz der Kunstsammlung DaimlerChrysler, in den frühen Nachwendejahren die ersten Kunstausstellungen stattfanden. Über Bohlen waren Schlammwüsten und riesige Pfützen zu überqueren, manch einer trat im Dunklen daneben. Egal, man musste in dieses Haus, das letzte originale am Potsdamer Platz. Dass dort Bilder gezeigt wurden - um so besser.

Und selbst ein Megastar wie Robbie Williams hatte keine Einwände, in einem Rohbau und dazu noch unter Tage aufzutreten, Mitte November 2003. In dem Film „Findet Nemo“ sang er den Schlusssong „Beyond the Sea“, und so hatte man ihn zur Deutschlandpremiere nach Berlin eingeladen – in den U-Bahnhof Reichstag der so genannten Kanzlerlinie U 55. Eine Kellerparty, aber was für eine!

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