Berlin : Auf Missionsreise in Berlin

Eine amerikanische Organisation will Juden zum Christentum bekehren Rabbiner Nachama sagt über die Kampagne: „Das ist klassischer Antijudaismus“

Johannes Boie

Sie stehen seit Tagen vor Einkaufszentren, an U-Bahnhöfen, auf öffentlichen Plätzen oder vor Synagogen und verteilen Zettel, sprechen Menschen an, wollen missionieren – und hoffen auf Erfolge. „Juden für Jesus“, heißt die Kampagne, die sich eine amerikanische Organisation viel Geld kosten lässt.

Die „Jews for Jesus“ (JfJ), wie sie in Amerika heißen, greifen offensichtlich auf die Infrastruktur der religiösen Splittergruppe „Jerusalem Gemeinde“ zurück. Schon vor zwei Jahren schickte JfJ ihren Manager Avi Snyder nach Deutschland, um das Netzwerk in Europa auszubauen. Über 14 Millionen US-Dollar verfüge man jährlich für die Missionsarbeit, erklärte Snyder damals. Er ist dieses Mal nicht in Berlin dabei. Stattdessen wird die zehnköpfige Truppe von Leonid Dolganovfkyy organisiert. Wie viel Geld ihm für die Aktion zur Verfügung steht und ob weitere Einsätze seiner Mitstreiter zu erwarten sind, kann oder will Dolganovfkyy nicht verraten – sein Deutsch ist stark gebrochen, Englisch spricht er nicht, nur Russisch. Bis zum heutigen Freitag noch wolle er mit seinen Leuten in der Stadt „arbeiten“, erklärt er. Ob sich die Gruppe besonders um russischsprachige Juden bemüht, ist ebenfalls nicht von ihm zu erfahren.

Renate Bruckhäuser gehört dazu. Ihre Stimme ist samtweich, und während sie spricht, dreht sie sich öfter unvermittelt um und zeigt stolz auf den Aufdruck ihrer wetterfesten Jacke: „Juden (und andere) für Jesus“ steht darauf. Das klingt krude und ist es auch: Seit dem Holocaust stellen sich alle großen christlichen Glaubensgemeinschaften aus gutem Grund gegen die umstrittene Idee der Judenmission.

Renate Bruckhäuser sind theologische und moralische Überlegungen offensichtlich egal. Ihr Befehl komme von Gott, sagt sie; sich selber bezeichnet sie als „neugeborene Christin“. Ihre wichtigsten Arbeitsmittel sind bunte Flyer, in denen im Comic-Stil existenzielle Fragen in saloppem Tonfall geklärt werden. Ziel der Bilderreihe ist es, möglichst viele Neugierige mit der Organisation in tieferen Kontakt treten zu lassen. Wer möchte, kann Bruckhäuser auch gleich seine privaten Daten aufschreiben und eine passende Aussage ankreuzen – beispielsweise: „Ich bin Jude, aber ich glaube nicht an Jesus. Bitte sagen sie mir, warum Sie glauben, dass Er der verheißene Messias ist.“

Potenziell Missionierungswilligen wird suggeriert, sie könnten ihre Religion ändern, ohne ihre kulturelle Identität als Jude zu verlieren. Der Berliner Rabbiner Andreas Nachama hält das für „Blödsinn“: „Aus der Sichtweise von in jüdischen Strukturen organisiertem Judentum schließt es sich schlicht aus, an Jesus zu glauben und Jude zu sein“, sagt er.

Die zukünftige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Lala Süsskind, ist sich indessen sicher, dass die Mitglieder der Gemeinde „klug genug sind, auf so was nicht reinzufallen.“ Rabbiner Nachama findet noch deutlichere Worte: „Das ist klassischer Antijudaismus“, sagt er. Johannes Boie

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