Berlin : Auf nüchternen Magen

Frühmorgens verteilte der Stadtentwicklungssenator Werbung ans Wahlvolk. Das aber war für einen konstruktiven Dialog zu müde.

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Von Stefan Jacobs

Nach zehn Minuten wird der Supersenator erkannt: „Alter, das ist doch der Strieder!“, sagt ein Jugendlicher mit verkehrt herum aufgesetztem Basecap zu seinem Kumpel. Strieder überreicht beiden die Broschüre „Aufschwung für Ostdeutschland“. Die überraschten Jungen verschwinden Richtung U-Bahn, der Senator bleibt auf dem Treppenabsatz zurück. Zu seiner Linken steht die von der Basis angeschleppte Zehn-Liter-Kaffeekanne auf dem Klapptisch unterm SPD-Sonnenschirm, rechts gärt es in den Müllcontainern, vorn lächelt die Morgensonne und von hinten Christian Ströbele. Das Konterfei des Urgrünen hängt an jeder zweiten Laterne. Die anderen sind von Strieders Parteifreund und Landesvize Andreas Matthae belegt, dessentwegen sie hier morgens um sieben auf der Warschauer Brücke stehen und Zettel unters Wahlvolk bringen.

Mit seinem zerknitterten Anzug und dem aufwändigen Vier-Tage-Bart könnte man Matthae für einen Drehbuchautoren halten. Aber der 33-Jährige hat als Erzieher gearbeitet und will für Friedrichshain-Kreuzberg in den Bundestag einziehen. Er tritt gegen Ströbele, die beliebte Ex-Bürgermeisterin Bärbel Grygier von der PDS sowie einen CDU-Mann an, dessen den fünf Basisgenossen am Klapptisch leider entfallen ist. Kurt Wansner kandidiert für die Union.

Die Genossen freuen sich, dass Strieder sie unterstützt. Der freut sich weniger, denn eigentlich hätte er jetzt in seinem Neuruppiner Feriendomizil ausschlafen wollen. Aber nachdem er wegen des Gysi-Rücktritts seinen Urlaub einmal unterbrochen hatte, wollte er die Genossen nicht hängen lassen und ihnen bei dieser Frühschicht helfen. Natürlich hätte man den Job auch einem x-beliebigen Juso überhelfen können. „Aber ich habe mehr Erfahrung im Zettel verteilen“, sagt der Senator. Der Unterschied bestehe weniger in der Hinhaltetaktik als im direkten Ansprechen der Passanten. „Was meinen Sie, wie überrascht die Leute sind, wenn ihnen hier jemand guten Morgen wünscht.“ Tatsächlich zucken diejenigen, die nicht intuitiv einen Bogen um die Zettelverteiler gemacht haben, ob des unerwarteten Gute-Laune-Angriffs zusammen. Sofern sie ihn überhaupt bemerken, denn das Gros der Menschen, die um diese Zeit über die Warschauer Brücke strömen, ist noch im Halbschlaf oder in Gedanken versunken. Etwa darüber, warum der tägliche Umsteigeweg von der S-Bahn zur U-Bahn ewig mühsam, zugig und verstopft ist. Strieder kennt das Problem, aber keine Lösung: „Ein überdachter Übergang wäre gut, würde aber Millionen kosten. Da ist vorläufig nichts zu machen.“

Nach einer Dreiviertelstunde ist „Aufschwung für Ostdeutschland“ vergriffen. Strieder verteilt nun „Mehr Arbeitsplätze – wir schaffen das“ an die Leute, die zur Arbeit hasten. Kaum jemand erwidert seinen Blick, nur manche nicken ihm freundlich zu. Ein Betrunkener lässt sich Kaffee einschenken und schwört der SPD ewige Treue, ein Bärtiger mit Strohhut und Gitarrenkoffer mit dem Aufkleber „Jazz oder nie“ schüttelt die Faust und murmelt Unverständliches. Matthae sagt: „Ich gelte als der zweitsicherste Wahlkreis in Berlin – nach Mitte.“ In die Basis am Klapptisch kommt Unruhe auf, weil zwei Polizisten sie unter Androhung eines Verwarnungsgeldes zum unverzüglichen Entfernen der Kraftfahrzeuge vom Radweg aufgefordert haben. Strieder lächelt. Er ist das letzte Stück zu Fuß gegangen. Wegen seiner Vorbildfunktion.

Nach einer guten Stunde sind die Gummibärchen alle, während das königsblaue Regierungsprogramm noch immer bleischwer auf dem Klapptisch liegt. Hunderte hätten die Chance gehabt, aber niemand wollte über Inhalte reden. Strieder verabschiedet sich und geht bei Rot über die Ampel zu seinem Auto. Er sieht müde aus. Die Basis klappt den Tisch zusammen und resümiert tapfer: „Gut gelaufen heute. Die Leute waren freundlich und aufgeschlossen.“ Ein Mann bleibt stehen und fragt: „Wer war denn das?“ „Das war der Herr Strieder“, antwortet die Basis. „Okay“, sagt der Mann und geht.

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