Berlin : Auf Raubzug im Osten

Bande von Kreuzberger Jugendlichen zerschlagen, die in Plattenbausiedlungen ihre Opfer fand

Jörn Hasselmann

Die Polizei nannte sie die Alex-Bande. Nicht, weil die jungen Räuber dort ihre Opfer suchten, sondern weil sie sich vor ihren Raubzügen dort trafen. Vom Alexanderplatz aus fuhren sie mit U-Bahn oder Straßenbahn in die Plattenbaubezirke des Ostens. Verabredet hatten sich die Jugendlichen morgens in ihrer Kreuzberger Schule, und wer Zeit und Lust hatte, fuhr zum Alex: Die vier Haupttäter waren immer dabei, teilweise gingen bis zu acht Jugendliche auf Raubzug. Nach schätzungsweise 50 Raubtaten flog die Bande jetzt durch Zeugenaussagen auf, drei der vier Haupttäter sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Sinan Y. und Daniel S. waren der Polizei schon bekannt. Die Besonderheit der Bande war ihr brutales Vorgehen: Die Jugendlichen bedrohten ihre – in der Regel jüngeren und schwächeren – Opfer teilweise mit einem Messer und quälten sie. Sie mussten Liegestütze oder andere Übungen machen. Bei späteren Raubtaten wurden sie angespuckt oder man urinierte auf die am Boden liegenden. „Die haben sich gesteigert bis zur Menschenverachtung“, sagte ein leitender Ermittler der Direktion 6. Nur 20 Opfer gingen zur Polizei. Da bei den Durchsuchungen der Kinderzimmer der Täter massenhaft Handys, EC-Karten und Disc-Player gefunden wurden, geht die Kripo von 50 bis 70 Taten aus. Die meisten Opfer haben offensichtlich aus Scham geschwiegen.

Begonnen haben die Raubreisen in den Osten nach den großen Ferien im August. Einer der Bandenchefs war bei einem Verwandtenbesuch im Osten darauf hingewiesen worden, dass „Ossis viel unbedarfter sind und sich viel leichter abziehen lassen“. „Abziehen“ nennen Jugendliche verharmlosend den Raub von Kleidung, Geld oder Telefon. Bis dahin waren die 16- bis 18-Jährigen nur ab und zu im Westteil kriminell aufgefallen. Nach den Sommerferien fuhren die Jugendlichen regelmäßig nachmittags zum Treffpunkt Alexanderplatz und von dort mit der U5 oder der Tram Richtung Osten.

In den Waggons spähten sie ihre Opfer aus, überfallen wurden die dann im Bahnhofsumfeld. Die Bande schüchterte ihre Opfer ein, Zeugen hielten das häufig für einen Streit. Am 12. Oktober holte ein Zeuge eines Raubüberfalls die Polizei – das war dann das Ende der Bande. In dem Hinterhof einer Marzahner Kita wurden Daniel S., Sven H., Sinan Y. und Maurizio M. festgenommen. Justizsprecher Retzlaff bestätigte gestern die Informationen des Tagesspiegels.

Die hohe kriminelle Energie der Bande hält die Polizei für „normal“. Bei Raubtaten sei es im allgemeinen so, dass 80 Prozent der Delikte von nur fünf Prozent der Täter begangen würden. Auch, dass Räuber sich Lieblings-Opfer aussuchen, ist den Ermittlern nicht neu. Vor Monaten war eine andere Bande aufgeflogen, die mit der U-Bahn nach Dahlem fuhr, „weil Zehlendorfer sich nicht wehren“. Eine Frage hat die Alex-Bande der Polizei noch nicht beantwortet: Wieso sie ihre Opfer demütigten. Hass auf Deutsche war es nicht, denn der Kern der Bande war gemischt türkisch-italienisch-deutsch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben