Berlin : Auf Spurensuche nach Christus

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„Sind auch die Bilder überall eingelegt?“, fragte gestern besorgt der Pfarrer der Luisenkirche ein Gemeindemitglied. Sie waren eingelegt – drei postkartengroße Abbildungen von Werken Marc Chagalls fanden sich in dem Gesangsbuch, das mit freundlichem Guten-Morgen-Gruß jeder in die Hand gedrückt bekam. „Christus in der modernen Kunst“ ist das Thema der diesjährigen Sommerpredigtreihe in der evangelischen Kirche am Gierkeplatz – mit Marc Chagall wurde sie gestern eröffnet.

Knapp drei Dutzend Besucher hatten sich dazu um 10 Uhr in dem weißen Gestühl der „neuen Kirche auf’m Berg“ versammelt. So nannte Eosander 1705 das geplante Gotteshaus auf dem Kirchplatz, der heute Gierkeplatz heißt und die Schusteruhsstraße in Charlottenburg teilt. 1716 wurde dort von Philipp Gerlach die „Stadt- und Parochialkirche“ erbaut, die seit ihrem Umbau 1826 durch Karl Friedrich Schinkel den n der preußischen Königin Luise trägt.

Die Luisengemeinde ist die älteste in Charlottenburg – eines ihrer jüngsten Mitglieder mischte sich gestern säuglingsfröhlich krähend in die Spurensuche des Pfarrers nach Christus in der modernen Kunst ein. „Die moderne Kunst hat Christus vergessen“, sagte Stephan Kunkel – Mao Tse Tung oder Marilyn Monroe dienten heute als moderne Ikonen. Marc Chagall dagegen begleiteten seine Erinnerungen an die einfache, aber bunte Kinderwelt in Weißrussland sein Leben lang. Eine Brücke zwischen Juden- und Christentum bauten seine Bilder. „Die weiße Kreuzigung“ war gestern eines davon, das der Pfarrer zum Gegenstand seiner christlichen Betrachtung machte. 1938 hatte es Chagall gemalt – als Echo auf die in Deutschland brennenden Synagogen. Ganz ohne die dem russisch-jüdischem Maler sonst eigene Farbigkeit, zeigt das Bild in kaltem Neonweiß die bevorstehende Apokalypse des Weltkriegs - mit Jesus als Symbol des gemarterten jüdischen Menschens, als „Gottes Knecht, der leidende Gerechte, den alle Welt verachtet“. Das Schicksal seines Volkes und zugleich die christliche Botschaft vom Kreuz verkündete so der Künstler und zugleich die gemeinsame Erfahrung der Juden und Christen.

Protestantisch nüchtern, fast streng, baut der Pfarrer seine Bildbetrachtungen und den Gottesdienst auf. Alles hat er ordentlich geregelt – unerfahrene Kirchgänger lernen aus einer gedruckten Anleitung, wann sie zu singen, zu beten oder aufzustehen haben. Auch, dass die Kollekte für die Gemeindediakonie ist - „für wo am nötigsten“ liest man. Vor lauter Eifer, Gott richtig zu dienen, vergisst man da gestern mitunter den Grund des Besuchs. Aber als sich die Gemeinde dann auf des Pfarrers Geheiß untereinander die Hände gibt, ist alles wieder gut. „Friede sei mit dir“, wünschte Stephan Kunkel von Hand zu Hand – besser kann es auch Gott nicht. Heidemarie Mazuhn

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