Berlin : Auf Staatsbesuch

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VON TAG ZU TAG

Christian van Lessen über

die Verlockungen der Bundesbauten

Ein Wochenende der offenen Bundestüren: Das Kanzleramt im Spreebogen ist seit Sonnabend für Bürger offen, ebenso die meisten Bundesministerien. Heute lädt auch noch der Bundespräsident ins Bellevue. Der Reichstag ist sowieso immer offen, wenn nicht gerade die Kuppel geputzt wird. Apropos: Wie lange ist es her, dass um die Form der Kuppel, gar um die Kuppel selbst gestritten wurde? Das Reichstagsgebäude ohne Kuppel, so, wie es nach dem Krieg jahrzehntelang herumstand, ist heute unvorstellbar.

Oder nehmen wir das Kanzleramt: Wieder pilgerten gestern Zehntausende in den Spreebogen, um das Gebäude zu begreifen. Auch ein Stück Demokratie zum Anfassen. Die Leute lassen sich das Haus erläutern und betrachten mit schwindender Kritik die Fassade, die mit den Jahren immer leichter zu werden scheint. Und viele Besucher fragen sich, wie er denn da oben so wohnt, der Kanzler, und ob ihn die dunklen Flecken über den Fenstern der Hausmeisterwohnung ärgern.

Die freundlichen Mitarbeiter des Besucherdienstes erzählen nicht alles, aber sie erklären, dass der Kanzler da oben nur 55 Quadratmeter reine Wohnfläche zur Verfügung hat, was natürlich viel zu klein ist, weshalb er lieber in Hannover wohnt. Die ortsübliche Vergleichsmiete für die Kanzlerwohnung wird ihm vom Gehalt abgezogen. Wie viel das ist, wird nicht verraten. Aber vielleicht erzählt er das selbst, wenn er heute Nachmittag durch den Park wandelt. Wer zur offenen Tür lädt, muss viele Antworten parat haben.

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