Berlin : Auf Tritt und Schritt

Auch die Fans machen den Marathon spannend. Sie sind laufend unterwegs, um ihre Helden zu sehen

Christian van Lessen

„Heiko-Schatzi, zieh durch, ich warte am Ziel“, hat eine junge Hamburgerin auf ein großes Pappschild geschrieben. Der i-Punkt von Schatzi ist zum Herz geformt. Sie steht in der Menschenmenge am Potsdamer Platz, es ist kurz vor 13 Uhr. Heiko, ihr Mann, ist immer noch nicht da. „Sein erster Marathon, er hätte schon längst vorbeikommen müssen.“

Ist es soweit, will sie winken und rufen, und schnell zum Ziel, zur Straße des 17. Juni, gehen. „Nur paar Schritte durch den Zoo.“ Sie meint den Tiergarten. Als Heiko dann nach einiger Zeit vorbeiläuft und seine Liebste gar nicht sieht, ist sie doch sehr froh und macht sich auf den Weg. Ohrenbetäubend sind derweil die Rhythmen von „Alegria do Samba“, die Gruppe trommelt geradezu Hochstimmung herbei. Die Zuschauer sind sich einig, dass der Potsdamer Platz der beste und stimmungsvollste Aussichtspunkt für den Marathon ist. Zwei Münsteraner auf Betriebsausflug finden „interessant, was hier alles so vorbeiläuft.“ Sie amüsieren sich über Obelix, die kleine Herde gehörnter Kühe, die laufenden Bären oder den Schornsteinfeger, der es gelassen erträgt, dass ihn Läufer beim Überholen antippen, um sich Glück zu sichern. Und sie haben sich über das große alte Grammophon gefreut, mit dem – nicht weit entfernt an der Potsdamer Straße – Läufern gute Laune eingetrichtert wird.

„Phantastisch“, schreit ein älterer Amerikaner ins Handy und bestellt seine Reisegruppe „sofort an den Leipziger Platz! Das müsst ihr sehen!“. Schon verschwindet sein Kopf in einer Gruppe, auf deren T-Shirts „Marathon Travel Club Denmark“ steht. Wie im Halbkreis schließt sich um die reisenden Dänen eine Schar mit orangenen Umhängen und Perücken: Niederländer, die etliche Landsleute anfeuern. Rot gekleidet mit DGB-Aufdruck mischt sich eine Truppe ein, die pfeifend und trillernd das Feld anspornt. Gertraud Krone schwenkt eine Papptafel mit rotem Sinalco-Zeichen. Die halbe Familie läuft vorbei und soll das rote Signal sofort erkennen. „Der graue Himmel kann uns die Stimmung nicht verderben.“ Es ärgert sie nur, dass Fußgänger immer wieder die Seiten wechseln und die Läufer zu Ausweichmanövern zwingen.

Fred Mayer ist heute nicht so froh. Er hat am Platz einen Imbissstand aufgebaut, doch die Kundschaft hält sich zurück. „Vor einem Jahr war es warm, da hatten die Leute mehr Appetit, tranken auch mehr Bier.“

Ein paar Meter unter ihm rollt die S-Bahn zum Pariser Platz, im Zug fahren auch Teilnehmer des Laufs. „Ey, schummeln gilt nicht“, lästert ein Fahrgast. „Hab’ aufgegeben, ehrlich“, erklärt ein junger Mann, „aber am Ziel muss ich dabei sein.“ Auch auf der Ebertstraße sieht man Läufer, die kurz vorm Ziel aufgegeben haben. Sie sehen sehr traurig aus und wollen nicht angesprochen werden. Vorhof der Zielgeraden ist der Pariser Platz, aber so richtig voll wirkt er nicht, in der ersten Zuschauerreihe sind noch Plätze frei. „Kein Gast des Adlon schaut aus dem Fenster“, wundert sich ein Tourist.

Am Ziel sind mittags einige Plätze auf den Stehtribünen frei. „Sie füllen sich“, ruft eine Lautsprecherstimme optimistisch. Es wird wirklich voller. DieStimmung ist gut, die Party-Musik zeigt Wirkung, die Läufer werden aufgefordert, die Arme nach oben zu reißen und zu zeigen, dass es Spaß gemacht hat. Das tun sie, das Publikum klatscht.

Auch die Hamburgerin ist am Ziel. Wie versprochen. Sie wartet wieder. Heiko, ihren Mann, hat sie noch nicht erblicken können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben