Berlin : Auf Umwegen zum Dichter

Ein grüner Pfad sollte vom Bahnhof Wannsee zu Kleists Grab führen. Dazwischen liegt ein Vereinsgelände

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Kein Kulturbanause. Michael Lipok, Vorsitzender des Schülerruderverbandes Wannsee, vor dem Grab von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel. Foto: Mike Wolff
Kein Kulturbanause. Michael Lipok, Vorsitzender des Schülerruderverbandes Wannsee, vor dem Grab von Heinrich von Kleist und...

Berlin - Pünktlich zum 200. Todestag von Heinrich von Kleist wird an diesem Montag sein neu gestaltetes Grab am Kleinen Wannsee eingeweiht. Prominente wie Bundestagspräsident Norbert Lammert und Schauspieler Ulrich Matthes erinnern ab 11 Uhr in einer Gedenkfeier an den Dichter und seine Todesgefährtin Henriette Vogel. Kaum an der Zeremonie teilnehmen dürften allerdings ausgerechnet die unmittelbaren Nachbarn des Doppelgrabes, die Mitglieder des Schülerruderverbandes Wannsee. Der Grund: Sie fühlen sich zu Unrecht als „Buhmänner“ dargestellt, weil sie den Zugang zum Grab über ihr vereinseigenes Gelände nicht genehmigt haben.

Ursprünglich sollten die Besucher über einen gewundenen grünen Pfad vom S-Bahnhof Wannsee zum Kleist-Grab gelangen. Jetzt aber bricht der Weg kurz vor dem Grundstück des Schülerruderverbandes ab und führt für einige Meter über die parallel verlaufende Bismarckstraße, bevor es dann von dort weiter zur Gedenkstätte geht. Künftige Kleist-Pilger müssen sich also auf steinigem Untergrund auf ihren großen Dichter einstimmen.

Mögen die Ruderer Kleist etwa nicht? „Im Gegenteil, wir begrüßen es sogar sehr, dass das Grab wieder hergerichtet wurde“, sagt der Verbandsvorsitzende Michael Lipok. „Wir lassen uns nicht einfach so den Mantel der Kulturbanausen überstülpen“, pflichtet ihm Vereinsfreund Klaus Eichstädt bei. „Ich hätte mir schon gewünscht, dass man Kleist im Kleist-Jahr etwas mehr würdigt“, sagt dagegen Cerstin Richter-Kotowski (CDU), die als Kulturstadträtin in Steglitz-Zehlendorf an den Plänen für die Grabstätte maßgeblich beteiligt war.

Es liege ganz einfach an den „Belangen des Rudersports“, dass sie die Fläche nicht hergeben wollten, versichert Lipok, hauptberuflich Sportlehrer in Zehlendorf: „Wir hätten nicht ungehindert Zugang zu unserem Gelände, und uns würde rund ein Drittel unseres vereinseigenen Grundstücks fehlen, auf dem wir unter anderem unsere Boote und Hänger abstellen.“ Den Gedenkpfad hätten zudem ständig Schüler mit ihren Fahrrädern gekreuzt, denn täglich kommen rund 150 Jugendliche zum Rudern, meistens freiwillig nach Schulschluss, manchmal auch im Rahmen des Sportunterrichts.

Der Schülerruderverband am Wannsee vereint 20 Ruderriegen verschiedener Berliner Schulen. Ein Drittel seiner Mittel kommt vom Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf, den Rest deckt er über seinen Förderverein und Mitgliedsbeiträge ab. Der teilweise geäußerte Vorwurf, der Verein erhalte staatliche Mittel und hätte die Grabstätte daher unterstützen müssen, macht Klaus Eichstädt daher richtig wütend: „Wir sind natürlich gemeinnützig, aber wir haben trotzdem unsere Interessen zu vertreten.“ Und die lägen nun mal mehr in sportlich-sozialer Ertüchtigung.

Stadträtin Richter-Kotowski kann all diese Einwände gegen den Gedenkpfad nicht ganz nachvollziehen. Sie sei sich sicher, dass gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung hätte gefunden werden können. Trotzdem wende sie den Blick jetzt lieber in die Zukunft: „Die Grabanlage ist wunderschön geworden, und ich freue mich darauf zu sehen, wie die Pflanzen in den nächsten Jahren immer mehr zusammenwachsen.“

Zum 200. Todestag des Dichters gibt es in Kooperation mit dem Potsdamer Hans Otto Theater in der dortigen Reithalle heute, 18 Uhr, eine szenische Lesung mit Schülern der Kleistschule Potsdam. Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch (SPD) eröffnet den Abend.

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