Auf Wohnungssuche im Wedding : Kater-Rezepte und Piaf-Chansons

Auf Wohnungssuche im wilden Wedding - kein leichtes Unterfangen. Unsere Autorin hat es gewagt und sich ein WG-Zimmer an der Pankstraße in Gesundbrunnen beworben. Und noch vor dem Vorstellungsgespräch macht sie eine interessante Bekanntschaft.

Lena M. Olbrisch
Lena M. Olbrisch ist Weddingerin und Autorin unseres Wedding Blogs
Lena M. Olbrisch ist Weddingerin und Autorin unseres Wedding BlogsFoto: Lena M. Olbrisch

Die Wohnungssuche in Berlin gestaltete sich vor vier Jahren noch wenig originell, vor allem wenn man weder nach Neukölln noch nach Friedrichshain ziehen wollte, sondern in den verwilderten Wedding. Die Pankstraße, diese laute, verdreckte und nicht eben ästhetisch beeindruckende Verkehrsschlagader, lockte mit der Traumwohnung für eine Dreier-WG schlechthin: Die Beletage eines leicht verwohnten Altbaus, 140 Quadratmeter, Balkon, verputzte Wände, und selbst für Studenten bezahlbar. Aus der Retrospektive betrachtet natürlich zu schön, um wahr zu sein, hätte Mutti dir gleich sagen können, jetzt weißte Bescheid. Zwar keine Fotos vom Badezimmer in der Anzeige, aber da wird es wohl eines geben.

Vor Aufregung viel zu früh bei dem Besichtigungstermin, zu dem ich veritable Menschenmassen erwartete, fand ich mich stattdessen allein, allein vor dem Hauseingang wieder. Direkt nebenan ein polnisches ‚Musik-Café‘, das ebenfalls einen recht gottverlassenen Eindruck machte und sich direkt unter meinem neuen Wohnzimmer in spe befand. Einkehr bei den neuen Wunschnachbarn, Platznehmen an einem abgewetzten Biertisch, der auf einem Stück fadenscheinigem Kunstrasen stand. Oh, grüne Oase in grauem Beton. Und auch älteren Menschen sagte dieses Etablissement offenbar zu: eine neonrotgefärbte Dame um die 80 nippte an einer Apfelschorle, das Gesicht genießerisch der Sonne zugewandt. Ein Anblick wie in einem mediterranen Strandcafé, denkt man sich kurz den Astroturf und die Pankstraße weg.

Die gefährlichen Charlottenburger Männer

Ihr Name war Frau Jenz und wir kamen ins Gespräch. Brutale Inquisition meinerseits: Kann man hier gut leben? Sie wohne schon ihr ganzes Leben lang in Berlin. In Gesundbrunnen seit 50 Jahren, nur der Liebe wegen habe es sie für ein paar Jahre nach Charlottenburg verschlagen. Von Charlottenburg rät sie mir ansonsten im Allgemeinen ab, von Männern, die dort wohnen möchten, insbesondere. Da solle ich ihr einfach vertrauen, um schmerzhaften Erfahrungen vorzubeugen. Frau Jenz und ich tauschen uns aus: wo man heute tanzen geht und wo vor fünfzig Jahren. Keine Überschneidungen, aber viel zu lachen.

Wie so ein volltrunkener Abend üblicherweise endet, das hat sich auch in fünf Jahrzehnten nicht verändert: Kater-Rezepte und an Edith-Piaf-Chansons angelehnte Lebensweisheiten („Non, rien de rien“) gibt Frau Jenz großzügig an die Enkelinnengeneration weiter. Für den Fall, dass ich die Wohnung beziehe, überreicht die Gute mir noch ihre Telefonnummer und Adresse. Sie habe ein gutes Gefühl, was mich und den Wedding angeht.

Und das Orakel von der Thurneysser Straße behielt Recht: das Schmuckstück in der Pankstraße wurde neues Domizil. Sogar mit Badezimmer. Und ‚Musik-Café‘, das sich als voll ausgewachsene Teenie-Disko mit meteoritengroßen Subwoofern herausstellen sollte. Willkommen im Wedding.

Dieser Artikel erscheint auf dem Wedding Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben