Berlin : Auf zweierlei Gleis zum neuen Hauptbahnhof

Grüne wollen Doppelstrom-Bahn – für besseren Anschluss

Klaus Kurpjuweit

Wenn der Hauptbahnhof-Lehrter Bahnhof wie geplant im Sommer 2006 in Betrieb geht, werden viele der Fahrgäste die neue Superstation nur auf Umwegen erreichen können. All jene nämlich, die aus dem Norden oder Süden per S-Bahn anreisen. Um diese etwa 60 Bahnhöfe umsteigefrei mit dem Hauptbahnhof zu verbinden, schlagen die Grünen eine unkonventionelle Lösung vor: Sie wollen, dass S-Bahnen die Fernbahngleise mitbenutzen. Das geht, wenn ein Fahrzeugtyp eingesetzt wird, der sowohl Gleichstrom von der seitlichen Stromschiene bezieht (wie auf dem S-Bahngleis) und zusätzlich Wechselstrom aus der Oberleitung des Fernverkehrs aufnehmen kann. Diese so genannten Duo-Bahnen gibt es in Berlin noch nicht, sie müssten noch gebaut werden. Die Grünen haben einen Antrag für die Duo-Bahn-Lösung im Abgeordnetenhaus eingebracht, heute soll er beraten werden.

Nach den derzeitigen Plänen ist der neue Hauptbahnhof nur mit der Ost-West-Stadtbahn direkt verbunden. Alle anderen Bahnreisenden, die mit U- und S-Bahn anreisen, müssen umsteigen. Mit Duo-Bahnen könnten Fahrgäste aus Zehlendorf, Steglitz und Schöneberg sowie aus Wedding den Hauptbahnhof direkt erreichen, sagte Michael Cramer von den Grünen. Als „doppeltes Lottchen“ für zwei Stromsysteme würden die Züge von Wannsee über Schöneberg auf den Gleisen der S-Bahn fahren und an allen Stationen halten. Am S-Bahnhof Yorckstraße würden die Züge die S-Bahn-Trasse verlassen und auf neu zu bauenden Gleisen zum Nord-Süd-Tunnel fahren, wo ein solcher Anschluss bereits für rund 25 Millionen Euro gebaut wurde. Hier sollten die Züge der so genannten Stammbahn von Griebnitzsee über Zehlendorf in den Tunnel fahren. Der Wiederaufbau der Stammbahn ist aber in weite Ferne gerückt.

Im Tunnel würden die Duo-Bahnen den Strom aus der Oberleitung beziehen und könnten auf den Fern- und Regionalgleisen fahren. Im Norden würden sie dann wieder als S-Bahn auf den Ring wechseln und Richtung Westhafen oder Wedding fahren.

Bahnen, die mit zwei Stromsystemen versorgt werden, fahren seit Jahren als Straßenbahn durch Karlsruhe und angrenzende Städte, wobei sie zwischen den Zentren als S-Bahn auf den Gleisen der Fernbahn unterwegs sind. Saarbrücken und Kassel haben dies Modell übernommen. Auch Hamburg setzt in Zukunft Duo-S-Bahnen ein. „Intelligenz statt Beton“ sei das Gebot der Stunde, sagte Cramer.

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