Berlin : Aufbruch in Babylon

Auf der „Quadriga“-Party im Pergamonmuseum wurden die Tugenden Mut und Mitgefühl gefeiert

Elisabeth Binder

Das erste Glas Sekt gab’s am Markttor von Milet. Unterm Ischtar-Tor im Pergamon-Museum waren die Tische rotgold gedeckt. Das Büfett zum Ausklang des Tages der Deutschen Einheit trug türkische Spezialitäten wie Cacik und Bhaklawa. Eine exklusivere Kulisse hat Berlin kaum zu bieten. Nach der Verleihung der Quadriga hatten Werkstatt Deutschland und ihr Hauptsponsor, der Energiekonzern Vattenfall, hierher zur After-Show-Party eingeladen. Tafeln unter Löwenköpfen und blau glasierten Fliesen aus dem Babylon des 6. Jahrhunderts vor Christus.

Der türkische Premierminister Erdogan, umringt von einer Armada von Sicherheitsleuten, hielt Hof an einem Tisch hinter weißen Kordeln. Einer der heimlichen Stars des Abends war Obiora Ike aus Nigeria, der als Laudator für den französischen Schriftsteller Eric-Emmanuel Schmitt eingeflogen war. Der charismatische Priester, der sehr viel jünger und fröhlicher wirkt, als es seine gewichtigen Titel (Monsignore, Professor) nahe legen, war gar nicht sonderlich beeindruckt von dem Ambiente. „Es fällt alles zusammen“, sagte er lachend und erzählte die biblische Geschichte dazu in seinem charmanten Deutsch. Sehr angetan war er indes von der Art, wie die Deutschen ihren Nationalfeiertag begehen. Dass Deutschland an diesem Tag „nicht nach innen blickt, sondern hinaus in die Welt“, findet er richtig gut und beschreibt die bunten Nationalfeierlichkeiten im eigenen Land.

Sicher, die Zeremonie im Schauspielhaus wirkte dagegen etwas staatstragend. Aber sie hatte große und auch emotionale Momente. Dazu gehörte besonders der Auftritt des Bassbaritons Thomas Quasthoff, der die Quadriga als „Deutscher des Jahres“ bekam. Sein Freund, der Schauspieler Achim Rohde, schilderte packend, mit wie viel „Vertrauen, Liebe und Menschlichkeit“ der Sänger seinen Weg voller Widerstände gegangen ist. Trotz einer Conterganbehinderung habe er Weltkarriere gemacht und unter anderem zwei Grammys gewonnen: „Seine Arbeit erscheint wie ein Loblied auf die Schöpfung“, sagte Rohde. Quasthoff selbst antwortete mit seinem berühmten trockenen Humor und einer ironischen Variation über das Thema „Randgruppen“. Am Ende wünschte er sich zum Einheitstag, „dass wir beginnen, an die unbegrenzten menschlichen Möglichkeiten zu glauben und etwas positiver in die Zukunft zu sehen“. Mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan und dem afghanischen Präsidenten Karsai wurden am Tag der deutschen Einheit auch zwei Muslime ausgezeichnet. Karsai präsentierte zum Schluss eine große Laterne – symbolisch für das Hilfsprojekt „Mehr Licht für Afghanistan“.

Engagierte Reden gab es auch vom früheren polnischen Präsidenten Lech Walesa auf den jungen tschechischen Bürgerrechtler Simon Panek und von Mario Adorf, dazu ein gefühlvolles Musikprogramm mit „Bridge over troubled Water“ und „Winds of Change“.

Der Name „Werkstatt“ Deutschland legt nahe, dass vieles an dem anspruchsvollen Projekt noch nicht perfekt ist. Freiwillige Förderer wie Consultant Jürgen Schau unterstützen Werkstatt-Chefin Marie-Luise Weinberger, dieses ehrgeizige Unterfangen einer zentralen und weithin ausstrahlenden Gala zum deutschen Nationalfeiertag in ruhige Gewässer zu bringen. Die Nationalhymne, gesungen von dem jungen Tenor Tobey Wilson, wurde diesmal schon viel selbstverständlicher und unverkrampfter zelebriert als bei der ersten Feier im letzten Jahr. Auch hat Erdogan, was mancher lästernde Gast halb im Scherz befürchtete, Teile des Pergamonmuseums nicht gleich mit nach Hause genommen.

Vielleicht, hoffentlich fällt also doch nicht alles zusammen.

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