AUFBRUCH OST Von der Wende über die Marke zur Münze : Der Blues der Freiheit

Der 9. November 1989 – das war die Eruption des Vulkans, der Durchbruch. Anzeichen dafür gab es schon viel früher: Beim Aufstand 1953. Oder 1961, vor dem Mauerbau, als Tausende Haus und Hof in der DDR verließen. Und dann wieder in den 70er und 80er Jahren, als Mut und Zivilcourage Einzelner zum Konflikt mit dem allmächtigen Staat führten. Was waren ihre Motive? Wie sind sie mit ihrer Rolle als Oppositionelle umgegangen? Und wie wurde aus dem Bach ein Strom?

Rainer Eppelmann erzählt uns seine Geschichte, bei sich zu Hause in Tiergarten, wo er jetzt wohnt. Eppelmann – das ist der Wehrdienstverweigerer, Pazifist und Robert-Havemann-Freund, der als Jugendpfarrer mit Bluesmessen die Friedrichshainer Samariterkirche gefüllt und nicht nur damit die Staatsmacht zur Weißglut gebracht hatte. Ausgerechnet der Friedenspastor, der der offiziellen Losung „Der Frieden muss bewaffnet sein“ sein „Frieden schaffen ohne Waffen!“ entgegenhielt, wurde nach der ersten freien Volkskammerwahl Verteidigungsminister – und löste die NVA kurzerhand auf. Heute ist Rainer Eppelmann 66 Jahre alt und sieht noch immer so aus, als könnte er in jedem Film ungeschminkt in die Rolle Lenins schlüpfen. Er saß mehrere Jahre für die CDU im Bundestag und ist heute als Vorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ein vielbeschäftigter Mann.

Wo fangen wir an?

„Na, am besten janz vorne“, sagt er in seinem unverfälschten und unverstellten Berlinerisch. Am 13. August 1961 verbaut die Mauer dem 18-Jährigen die ganze Zukunft, schwer war es schon vorher: In der DDR darf er nicht Abi machen (Konfirmation statt Jugendweihe, weder Junger Pionier noch FDJler, Vater als Zimmermann in West-Berlin tätig, damit „Grenzgewinnler“), also geht der Junge auf eines der beiden Gymnasien für Ostkinder in West-Berlin. Eppelmann möchte Architekt werden. Dann, in der 11. Klasse, „stoppt mich Ulbricht gemeinsam mit seinem Mauerbaumeister Honecker, ich werde dachdeckender Hilfsarbeiter, lerne 1962 Maurer, darf sogar auf eine Bauingenieurs-Fachschule – und höre nach einem Vierteljahr auf.“ Eine Gastritis folgt der nächsten. „Mein Körper ist versaut. Ich hatte in der Schule (West) gelernt, eine eigene Meinung zu bilden, Unterschiedliches zu hören, mich mit dem Lehrer zu streiten – genau das war nun verpönt. Alles, was der sagte, hatte man freudig zur Kenntnis zu nehmen und keine eigene Meinung zu äußern.“ Eppelmann ging nicht mehr zur Schule, und die Gastritis kam nie wieder.

Die nächste Prüfung für seine Psyche wartet schon: die Armee. „Die Leute, die dich eingesperrt und deine Familie auseinandergerissen haben, die verteidigst du nicht auch noch mit einer Waffe in der Hand. Steht nicht geschrieben, du sollst nicht töten?“ Eppelmann ist empört über das NVA-Prinzip des Gehorsams. „Nach Auschwitz kann kein deutscher junger Mann jemandem versprechen, dass er alles tut, was der Staat oder irgendein Offizier von ihm verlangt.“ Er weigert sich, das Gelöbnis abzulegen. Preis: acht Monate Zuchthaus. „Da bin ich als Jugendlicher rein- und als Erwachsener rausgegangen.“ Die Eltern hatten ihn gelehrt, dass der leichteste Weg nicht immer der beste ist. Aber er hat nun auch gelernt, angstfreier zu leben. „Anfangs hatte ich feuchte Hände, wenn die Stasi- Leute hinter mir her waren, aber zum Schluss hat mir das fast Spaß gemacht.“

Das hängt auch mit seinem neuen Beruf zusammen. Eppelmann beschließt nach dem Knast und den 18 Monaten als Bausoldat (die Mutter ist inzwischen mit den Kindern zum Vater in den Westen ausgereist), zur Predigerschule zu gehen, um Theologe zu werden. Als Gemeinde- und Kreisjugendpfarrer in Friedrichshain hört der Seelsorger, „wie hier die Menschen zerbrochen, kaputt gemacht werden, oft keine Alternative sehen“ – außer die Ausreise, diesen brutalen Abschied für immer und ewig. „Wir hatten uns um Jugendliche gekümmert, um sie von der Straße wegzuholen. Eines Tages kommt einer – lange Haare, Kutte, Bart, Jeans – und sagt, er möchte uns helfen, die Kirche vollzukriegen: ,Ich bin Bluesmusiker und hab noch’n Freund, der spielt so schön Mundharmonika‘.“

Eppelmann antwortet, dafür sei die Konzert- und Gastspieldirektion zuständig, „aber wenn ihr euch vorstellen könnt, euern Blues in einen Gottesdienst hineinzupacken, dann bin ich euer Partner“. So stehen bald 250 Typen in der Kirche, die qualmen, schon mal ihre Rotweinpullen aus den Kutten holen und andächtig zuhören. „Das Rauchen in der Kirche haben wir ihnen abgewöhnt, dennoch kommen beim nächsten Mal 500, und so geht das weiter, bis es ein paar Tausend sind, aus dem ganzen Land. Es ist wohl die erste öffentliche Veranstaltung in der DDR, bei der gesagt wird, was die Leute wirklich denken.“ Eppelmann hat irgendwie das Gefühl, hier für die zu reden, die nicht reden können. Ihn leitet Solschenizyns Wort „Lebt nicht mit der Lüge“. Bibel, Blues und Begeisterung gibt seinen Jüngern das Gefühl, ein bisschen frei zu sein. Und dann kommen Leute wie Stefan Heym, Bettina Wegner, Gerhard Schöne, Freya Klier und Stephan Krawczyk, werden freche Texte gesprochen, Zustände kritisiert – und schon sind die West-Medien zur Stelle. Ob „Kontraste“ oder „Kennzeichen D“ – sie helfen, der Opposition jene Ausstrahlung zu geben, die ihr in den Medien der DDR versagt bleibt.

Und es kommt die Stasi. Sie fordert die Anwohner auf, den Pastor wegen ruhestörenden Lärms anzuzeigen, legt den Beobachtungsvorgang „Kreuz“ an, schleust ihre Leute in die Messen, verhaftet den Pfarrer aus der Konfirmandenstunde weg (lässt ihn nach drei Tagen wieder laufen, weil internationale Proteste drohen) – das Stasi-Arsenal scheint beim „Kreuz“-Zug gegen Eppelmann unerschöpflich: Von rührender „Telefonseelsorge“ bis zur Verwanzung der Wohnung, von der Manipulation am Trabi-Steuerrad über Zucker im Tank bis zum zerschnittenen Reifen und einem schweren Unfall, der nie aufgeklärt wird: Mit Scheinwerfern wollten sie ihn blenden, damit er auf der Rüdersdorfer Brücke durchs Geländer fliegt. Doch 40 IM können nicht verhindern, dass der Pastor die Wanzen aufspürt, worauf der Führungsoffizier notiert: „Wir sind total gescheitert und müssen ganz von vorne anfangen.“

Mit der Wende hatte sich das dann erledigt. Der Ex-Staatsfeind klingelte eines Tages bei „seinem“ Führungsoffizier, und wie begrüßte der ihn? „Ich habe mich bei Ihnen nicht zu entschuldigen.“

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