Berlin : Auferstehung in Ruinen

Im Jagdschloss Glienicke ist viel los – trotz Brandschaden

Christoph Stollowsky

Von wegen kein Leben mehr im Schloss. Auch nach dem verheerenden Feuer im Dachstuhl des Neorenaissance-Gebäudes vor fünf Wochen ist in dessen Tagungsräumen und im Park am Havelufer weiter eine Menge los: Rund 10 000 Besucher strömten am vergangene Wochenende zum Haus & Garten-Festival rund ums Jagdschloss Glienicke in Wannsee. Und vom heutigen Montag an wollen dort einige hundert junge Pädagogen aus Frankreich, Deutschland und den USA gemeinsam Vorurteile gegenüber Europa und Amerika abbauen.

Noch sind zwar die Wiesen unter den stark brandgeschädigten, brüchigen Giebeln mit Gittern abgesperrt, doch ansonsten versuchen die Verantwortlichen der im Schloss untergebrachten landeseigenen Internationalen Begegnungsstätte vom Brand verschonte Flächen „so gut es geht weiter zu nutzen.“

Feucht gewordene, korrodierte Elektrokabel hatten den Brand im Südflügel des 1683 erbauten und zum Weltkulturerbe gehörenden Schlosses an der Glienicker Brücke verursacht. Dabei entstand nach Angaben der zuständigen Versicherung ein Schaden „im einstelligen Millionenbereich“. Vor allem beide im Renaissance-Stil geschmückten Giebel müssen beim Wiederaufbau des Daches behutsam saniert werden. Doch auch in den unteren Etagen des Südflügels sowie im Hauptgebäude können viele Schlaf- und Aufenthaltsräume wegen der Brandschäden nicht genutzt werden. Und sie bleiben voraussichtlich auch noch eine ganze Weile gesperrt. Denn die Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes wird nach Auskunft des Bausenators erst im kommenden Jahr beginnen.

Schwierige Zeiten also für die Begegnungsstätte, doch ihr Team lässt sich nicht entmutigen und hat den Terminkalender für Veranstaltungen bereits recht gut gefüllt. Auch mehrtägige Seminare sind in den verbliebenen Räumen schon wieder möglich, nachdem alternative Schlafquartiere in Berlin und Potsdam gefunden wurden. Für die Heim & Garten-Messe am vergangenen Wochenende brauchte man sie allerdings nicht: Die Schau für „feine Lebensart“ war ein mit Live-Musik, Kinderspielen und internationalen Leckerbissen angereichertes Geschäft für 120 Aussteller. Sie zeigten modisches Mobiliar für Haus und Garten und Accessoires wie Statuen, Brunnen oder Vasen und freuten sich über die mediterrane Kulisse des Schlossparks. Dass aus dem verbliebenen Dach ein paar angeschwärzte Balken hinausragten, störte niemanden auf der Messe.

Auch die jungen Gäste der „trinationalen Begegnung“, die am heutigen Montag im Schloss beginnt, werden diesen Anblick eher als spannende Zugabe empfinden. Das Deutsch-französische Jugendwerk und die Checkpoint-Charlie-Stiftung haben sie nach Wannsee gerufen, weil Westeuropas Jugend aus ihrer Sicht in einer Zwickmühle steckt: Einerseits kopiere sie amerikanischen Lebensstil, andererseits lehne sie die US-Politik als „imperialistisch“ ab. Nun sollen die jungen Deutschen und Franzosen gemeinsam mit gleichaltrigen Amerikanern ihre Vorurteile entdecken und Wege zu einem „unbefangeneren Umgang“ suchen.

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