Berlin : Aufgeblasen und abgehoben

Sie schweben über Land und Wasser – am Wochenende zeigten die Hovercraft-Piloten bei der EM in Hoppegarten ihr Können

Christopher Lück

Pfeilschnell jagt das Luftkissenboot über die Rasenpiste, die Sprungrampe kommt bedrohlich näher. Es hebt ab, segelt in der Luft. Nur fliegen kann schöner sein. Ein dumpfer Knall ertönt, Wasser spritzt hoch. Die Erde hat das Hovercraft wieder.

Die meisten kennen das Hovercraft nur als aufregendste Art, den Ärmelkanal zu überqueren. Vor drei Jahren wurden die beiden großen Luftkissenboote, die jahrzehntelang zwischen Dover und Calais verkehrten, außer Dienst gestellt. Als Freizeitvergnügen erfreut sich das Luftkissenboot ungebrochener Beliebtheit. Am vergangenen Wochenende trafen sich die Hovercraft-Sportler zum letzten Lauf der Europameisterschaften in Dahlwitz-Hoppegarten. Dort befindet sich seit diesem Jahr im Innenbereich der Galopprennbahn eine Hovercraft-Rennstrecke. Mit bis zu 160 Stundenkilometer rasen die Fahrer über Gras, Wasser und Sprungrampen.

Die Technik des Hovercrafts basiert auf dem „Bodeneffekt“. Der Ventilator am Heck beschleunigt die Rennmaschinen, unter ihnen baut sich ein Luftkissen auf, sie schweben – das bedeutet die englische Vokabel „hover“– über den Boden. Die Lenkvorrichtung befindet sich am Bug des Luftkissenboots, zusätzlich verlagern die Fahrer ihren Körper in den Kurven. Wie in anderen Rennsportarten gibt es je nach Motorleistung verschiedene Klassen.

In Deutschland gibt es etwa 30 aktive Fahrer, keiner von ihnen betreibt die Sportart professionell. Der Rennzirkus der Hovercraft-Sportler begreift sich als Solidargemeinschaft, die Atmosphäre im Fahrerlager erinnert an einen Ausflug einer Großfamilie. Die Fahrer und Mechaniker aus ganz Europa basteln gemeinsam an ihren Motoren, die Ehefrauen der Piloten sitzen mit ihren Kindern einträchtig um die zahlreichen Grillroste und Kühltruhen.

Auf der Rennstrecke mangelt es den Fahrern allerdings nicht an dem nötigen Ehrgeiz. Der erfolgreichste deutsche Fahrer ist Michael Metzner. Er wurde am Wochenende Europameister in der höchsten Rennklasse, der Formel 1. Der 26-Jährige kam bereits als Schüler mit dem Hovercraft-Sport in Berührung. In seiner Nachbarschaft gab es einen Hovercraft-Verein. Metzner weiß um die Exklusivität seiner Leidenschaft: „Es ist nichts für Normalsterbliche, aber ein wunderschöner Sport.“ Metzner akzeptiert den Zeitaufwand und die Kosten. Ein Formel- 1-Gefährt kostet viele tausend Euro, dazu kommen die ganzen Ersatzteile und Reisen. Er sagt: „Der Aufwand lohnt sich.“ Klaus Bönighausen, Vorsitzender des Hovercraft Clubs Berlin-Brandenburg und aktiver Fahrer, betont die „schöne Atmosphäre“ in Dahlwitz-Hoppegarten: „Alle kommen gerne.“

Joachim Rettig, Veranstalter der Hovercraft-EM, hat ein ehrgeiziges Ziel, er will den kuriosen Sport „populär machen“. Sehr zur Freude der Veranstalter waren am Wochenende 5000 Besucher vor Ort. Ein weiterer Erfolg für die Veranstalter: Im August 2004 findet an gleicher Stelle die Hovercraft-Weltmeisterschaft statt.

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