Berlin : Aufgeweckt, fast handzahm - was tun mit ihm?

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Irgendwer in Berlin hat einen jungen Fuchs domestiziert. Nun hat er Menschen erschreckt und sitzt erst einmal hinter Gitternpen

Fuchs, du hast die Gans gestohlen? Keine Spur. "Der weiß, was eine Futterschüssel ist", sagt Carola Ruff im Tierheim Lankwitz. Der Kleine ist ein wenig bissig, wenn man ihm auf den Pelz rückt, sonst aber aufgeweckt und fast handzahm. Und nun weiß niemand so recht, was man mit dem Füchslein machen soll, das da im Tierheim sitzt. Letzlich ist er ein Opfer "missverstandener Tierliebe", wie Marc Franusch im Landesforstamt sagt. Denn wenn nicht ein Mensch ihn so zahm gemacht hätte - dann wäre er Mittwochmittag nicht in einen Garten an der Terrassenstraße in Schlachtensee geraten, dann ins Wohnzimmer, schließlich in eine Fangkiste und letztlich ins Tierheim. Was aber macht man mit einem halbzahmen Wildtier?

Füchse fressen Mäuse. Wie soll der kleine Fuchs aber Mäuse fangen, wenn - wie es scheint - seine Eltern ihm das nicht beigebracht haben und er eher mit Chappi als mit Mäusen groß geworden ist. Alles spricht im Moment dafür, dass der Fuchs als Jungtier an einen Menschen geraten ist, der ihn gefüttert und so weit domestiziert hat, wie das bei einem Fuchs eben möglich ist. Immerhin zählt er zu den "Hundeartigen". Jetzt weiß er also, was eine Futterschüssel ist. Aber er ist nicht mehr tauglich für die Freiheit.

Mittwochmittag war er auf einer Terrasse in Schlachtensee erschienen - "zutraulich, jung, unversehrt, keinesfalls krank", wie Volker Wenk im Tierheim Lankwitz sagt. Zutraulichkeit bei Füchsen könnte aber ein Alarmsignal sein. Zwar sind Berlin und Brandenburg wegen ihrer Impfaktionen seit längerem statistisch tollwutfrei, aber der Verdacht auf Tollwut ist bei unnatürlichem Verhalten immer angebracht, wie Förster Marc Franusch erklärt. Hier kam hinzu, dass das Tier zuvor schon zwei Nachbarn gebissen hatte - eigentlich ein Alarmsignal erster Güte.

Die Hauseigentümerin sperrte den Fuchs jedenfalls ins Wohnzimmer, wo er einen Wassernapf nicht verschmähte. Mehr als fünf Stunden dauerte es dann erstaunlicherweise, bis sich eine amtliche Zuständigkeit für das zahme Raubtier ergab: Tierheim und Förster konnten oder wollten zunächst nicht helfen, und Veterinäre und Polizei erklärten sich schlicht für unzuständig. Das hat in der Umgebung unter den Nachbarn böses Blut gemacht. Einer der Gebissenen ließ sich im Tropeninstitut gegen Tollwut impfen, und alle fragen sich, was denn wäre, wenn der Fuchs tatsächlich mit Tollwut infiziert gewesen wäre. Schließlich ist er stundenlang durch die Gegend gezogen. Mütter hatten Angst um ihre Kinder. Eine Erklärung, warum das seltsame Tier nicht früher eingefangen wurde, gibt es aber nirgends.

Erst am späten Nachmittag holten Wenk und Franusch den kleinen Fuchs in einer gemeinschaftlichen Tierfänger-Aktion ab. Und Franusch brauchte nur einen Blick, um zu sehen, dass von Tollwut keine Rede sein könne, wie er sagt. Der Fuchs ist zwar eigentlich verhaltensgestört, weil er so menschenfreundlich ist, aber krank ist er offenbar nicht. In den nächsten Tagen soll er untersucht werden. Ein Floh-Halsband beweist sogar, dass sich jemand um seine Gesundheit Gedanken gemacht hat.

Diesen "Jemand" sucht man jetzt. Ob er den Fuchs allerdings zurück bekäme, ist nicht klar. Es kommt darauf an, was für ein Mensch und wie vernünftig er ist. Ob das Tier ausgewildert werden könnte, kann Franusch sich nur schwer vorstellen: "Man müsste ihm die Jagd beibringen, und er müsste wieder Scheu vor Menschen erwerben." Ihn einfach in den Wald zu setzen, das geht nicht, sagt Wenk. Wenn sich keine andere Lösung findet, wird das Tierheim den Kleinen mit den großen Ohren wohl irgendwo auf dem Lande unterbringen, vielleicht bei einem kleinen Zoo.

Neben dem Rätsel der Herkunft gibt es ein weiteres. Der junge Fuchs hat eine "feminine Beziehung". Auf Frauen reagiert er positiv, auf Männer eher ängstlich. Offenbar hat ihn eine Frau gefüttert. Nun liebt er die Frauen.
© 1999

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