Berlin : Aufgeweckte Kinder

Kon-Lab, ein neues Sprachprogramm an Kitas, zeigt Erfolg. Jetzt soll es berlinweit eingesetzt werden

Ariane Bemmer

Die Vortragenden sind nahezu aus dem Häuschen. „Einschlagen“ mögen die Ergebnisse, wünscht sich Elisabeth Ziemer, die Sozialstadträtin von Tempelhof-Schöneberg. Auf dass bald in allen Berliner Kitas nach dem Kon-Lab-Programm gelernt werde.

Vor zwei Jahren begann ihr Bezirk zusammen mit dem Schweizer Spracherwerbsforscher Zvi Penner, Ärzten und Kita-Experten ein Programm zu entwickeln für Kita-Kinder mit gestörten Sprachfähigkeiten – das waren Migrantenkinder aber auch deutschsprachige, die zu Hause nicht gefördert worden waren. An sieben Kitas in Schöneberg-Nord und Spandau wurden diese Programme erprobt und gleichzeitig deren Wirksamkeit überprüft. Fazit: ein voller Erfolg.

Die Kinder der Modell-Kitas wurden auf verschiedene sprachliche Kompetenzen nach etwa fünf Monaten mit dem Kon-Lab-Programm (siehe Kasten) überprüft und mit einer normalen Kitagruppe verglichen. Es stellte sich heraus, dass die Fähigkeit zur Pluralbildung, zum Verwenden von Artikeln und zum Frageverständnis um bis zu 30 Prozent gesteigert werden konnten. Dagegen nahmen bei der unspezifischen Betreuung in der Vergleichskita einige Fähigkeiten sogar wieder ab: Konnten anfangs 85 Prozent der Kinder richtige Artikel nennen, waren es später nur noch 53. Zvi Penner sagte, von den deutschsprachigen Kindern, die eingeschult werden, hätten rund zehn Prozent den Spracherwerbsstand von 22 Monate alten Kindern. Rund 20 Prozent könnten einfachsten Fragen nicht folgen. Penners Beispiel: „Ein Junge und sein Vater backen einen Kuchen. Mit wem backt der Junge einen Kuchen?“ Die Kinder hätten nicht gelernt, eine Frage zu erkennen. Es nütze bei diesen Lücken nichts, die Kinder einfach in deutscher Sprache zu „baden“, wie Penner es ausdrückte, man müsse ihre Defizite spezifisch beheben.

Ein Anliegen, das auch bei Kinderärzten auf Begeisterung stieß. Ulrich Fegeler vom Verband der Berliner Kinder- und Jugendärzte sagte, viele Schulkinder landeten als teure Logopädie-Patienten in Praxen. Deshalb sei eine frühe Sprachförderung auch eine wirtschaftliche Entlastung. Fegeler lobt besonders, dass Penners Programm schon für Dreijährige konzipiert ist. Außerdem kosteten die Materialien es nur rund zehn Euro pro Kind.

Mit den Erfahrungen aus Schöneberg und Spandau wollen die Bezirkspolitiker nun im Senat dafür werben, das Programm landesweit einzusetzen. Denn die Zahl der Berliner Erstklässler, die nicht ausreichend Deutsch können, wachse beständig. Mit den bekannten verheerenden Folgen für die Kinder: wenig Erfolg in der Schule, kein oder ein niedriger Abschluss, keine Jobs.

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