Berlin : Aufheben ohne viel Aufhebens

Manfred Gutschow ist der Liebling der Charlottenburger Wundtstraße – weil er freiwillig und gut gelaunt für Ordnung sorgt

Gabriele Bärtels

Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf hat ihn ausgezeichnet und verlieh dem 69-jährigen Manfred Gutschow den Ehrenamtspreis 2005 – für sein besonderes gemeinwohlorientiertes, freiwilliges, Engagement. Manfred Gutschow hält die Wundtstraße in Charlottenburg sauber: kostenlos und – weil er es gerne tut.

Alte Männer wie er werden nicht mehr gebraucht. Früher war er Bauarbeiter, ständig und überall in Deutschland auf Montage, ein kleiner, herzlicher, würdevoller und schüchterner Mann mit strahlenden Augen. Nun leidet er an Parkinson, die Hände zittern heftig und manchmal auch sein Kopf.

Monatlich bekommt er seine Rente überwiesen, könnte bis zum Tod in seiner Wohnung sitzen bleiben, unbehelligt Jahrestage zählen und seine Schwester besuchen, so lange er es noch schafft, wäre einer dieser grauen, alten Schatten, von denen es in der Großstadt so viele gibt, selbst wenn man sie übersieht. Doch das ist nicht Manfred Gutschows Sache. Er steht lieber im Blaumann vor dem Haus und macht vor, wie man sich selbst und anderen hilft.

Vor fünf Jahren hat er einfach angefangen, entschlossen den Straßenbesen aus der Toreinfahrt geholt, sich einen ausgewaschenen Farbeimer mitgebracht und den breiten Bürgersteig gefegt, obwohl ihn kein Mensch darum gebeten hat und niemand ihn dafür bezahlt.

Tatsächlich kam es ihm sogar vor wie eine Anmaßung, und so hob er anfangs nicht einmal den Kopf, wenn ein Mieter aus der Tür trat. Er bürstete den Dreck bis zum Rinnstein, nahm jede Zigarettenkippe mit der Hand auf, schnippte sie in seinen Eimer. Genau bis zu den Nachbarhäusern zupfte er alle Grasbüschel aus den Pflastersteinritzen, und wenn keiner hinsah, griff er über diesen unsichtbaren Zaun und klaubte auch noch das Eispapier auf, das dort gegen die Hauswand geweht worden war. Niemand trat herbei, um ihm das zu verbieten.

Bald gewöhnten sich alle Bewohner des Hauses daran, dass die Welt in Ordnung war, wenn sie morgens ab acht die scharfen, kurzen Geräusche hörten, die er mit dem groben Besen machte. Auf dem Weg zur Arbeit riefen sie: „Hallo Manfred“.

Manfreds Einsatz hatte zur Folge, dass vor dem Haus kaum noch ein Passant etwas fallen ließ. So war er im Sommer schon nach einer halben Stunde fertig, und das reichte seinem Bewegungsdrang nicht. Also hielt er nun auch den Platz um die Mülleimer herum pieksauber. Es dauerte dann noch ein Jahr, bevor er im Morgengrauen mutig die unsichtbare Grenze zu den Nachbarhäusern überschritt und sich über die fremden Eingangsbereiche hermachte. Er operierte mit Harke, Rechen, Handfeger und vier Besen mit harten und weichen Borsten. Hundehaufen umfasste er mit einer weggeworfenen Tüte und einem angewiderten Blick.

Schon häufig hatte er in die Parklücken auf die gegenüberliegende Straßenseite gelinst. Im Rinnstein klumpte sich schwarzer Morast zusammen. Eines Tages sagte Manfred: „Das muss doch nicht sein!“, packte den Schrubber, schaute nach rechts und links, überquerte die Fahrbahn und stellte seinen Eimer neben den Dreck. Und weil er schon mal drüben war, bürstete er auch noch den gegenüberliegenden Bürgersteig ab.

Inzwischen ist Manfred nicht mehr der Liebling eines Mietshauses, sondern eines ganzen Großstadtstraßenstücks in Charlottenburg. Sein Revier reicht hundert Meter die Wundtstraße hinauf, und sogar noch um die Kurve zur Riehlstraße entgeht ihm kein Schnipsel. Er arbeitet sieben Tage die Woche mehrere Stunden, und im Oktober bückt er sich hundert Mal nach einem herabgesegelten Lindenblatt. Die BSR hat ihm ganz unbürokratisch Laubsäcke zur Verfügung gestellt, die er prall gefüllt, sauber verschlossen und reihenweise an die Straße stellt. Im Winter hält er nicht nur einen Trampelpfad schneefrei, sondern schaufelt jede Flocke weg, häuft sie sorgsam um die Straßenbäume und klopft die kalte Masse fest, bis sie im Frühjahr zu schmelzen beginnt. Er streift auch Schneehauben von parkenden Autos, und einem Nachbarn, den er besonders gern hat, kratzt er stillschweigend die Scheiben frei. (Man hat ihn schon dabei ertappt, wie er die Treppe in den Park beharkte, und fragt sich, wann er beginnt, die Telefonzellen abzuwischen.)

Jederzeit kann seine bewegliche Gestalt hinter einem Auto auftauchen, von seinen Utensilien umgeben. Wurde in der Straße ein Auto aufgebrochen, entdeckt Manfred es zuerst. Er behält auch die Schrankbretter im Auge, die jemand vor dem Stromkasten an der Ecke abgelegt hat. Er lächelt meistens, und wenn er in die Knie geht, um etwas vom Asphalt zu picken, hat das eine tänzerische Eleganz.

Gern tritt er zu einem Wortwechsel heran, und weil seine Augen strahlen, bleibt man ebenso gern stehen. Dann putzt Manfred seine bebende Hand an der blauen Hose ab, stützt sich auf den Besen, macht einen Witz oder führt ein Gespräch mit lauter kurzen Sätzen. „Joo! Wie geht’s? Haste gesehen: Bretter sind weg.“

Sein Bekanntenkreis vergrößert sich laufend. Männer bleiben breitbeinig vor ihm stehen und fachsimpeln über verstopfte Gullys, Hunde alter Damen steuern auf ihn zu, und ihre Frauchen folgen ihnen hocherfreut. Man schenkt „unserem“ Manfred Geld, Alkohol, Süßigkeiten und Zigaretten – und viele Lächeln.

Kürzlich war er im Urlaub wie jedes Jahr. Es dauerte keine drei Tage, da ließen fremde Passanten wieder alles fallen, was sie Nutzloses in den Händen trugen. Die Eichen warfen ihre Eicheln ab, und jeder trat darauf herum. Kein Mensch hatte mehr Grund, auf dem Weg zur Arbeit seinen Schritt zu verlangsamen oder ein freundlich grüßendes Gesicht aufzusetzen. Unser Viertel war verwaist.

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