Berlin : Aufklärung auf die Schnelle

Wie das System mit Brustkrebspatienten umgeht. Ein Buch und ein Gespräch

Adelheid Müller-Lissner

„Gnadenlos im positiven Sinn“ sei das Buch, sagt Michael Bamberg, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft. Man könne als Arzt viel daraus lernen, meint der Gynäkologe Mathias Warm, Leiter des Brustzentrums der Uni Köln. „Überleben Glückssache. Was Sie als Krebspatient in unserem Gesundheitswesen erwartet“ heißt das Werk, das diese Experten während eines Gesprächs am Donnerstag in der Urania so lobten. Geschrieben hat es Sybille Herbert, eine Kölner Journalistin – und eine von rund 48 000 deutschen Frauen, die jedes Jahr mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert werden. Für Frauen wie sie, zwischen 40 und 50, ist Brustkrebs Todesursache Nummer eins.

Sibylle Herbert kritisiert in ihrem Buch nicht die Therapieentscheidungen ihrer Ärzte, und sie widersprach auch nicht, als Mathias Warm feststellte: „Frauen mit Brustkrebs sind in Deutschland sehr gut versorgt.“ Es geht der Autorin eher um die Informationslöcher und auch um mangelnde Menschlichkeit. „Erklärt wurde selten“, sagt sie, „aufgeklärt meist im Schnelldurchgang. Selbst die eigene Akte einsehen zu dürfen, war nicht selbstverständlich.“ Und das sei nur ein Beispiel.

Herbert hat jedoch, um einseitige Schuldzuweisungen zu vermeiden, ihr Buch als eine Art Doppelperspektive geschrieben. Sie hat ein und dieselbe Situation immer auch von der Arztseite her geschildert und lässt erkennen: Auch die Ärzte sind unglücklich mit den Abläufen. Sie sind in Eile, das Telefon klingelt permanent, und ausgerechnet da kommt die Patientin mit einer langen Fragenliste zum Vorgespräch vor der Chemotherapie.

Das Buch war das eine Thema im von Tagesspiegel-Redakteur Hartmut Wewetzer moderierten Expertengespräch – das neue „Disease Management Programm zur Betreuung von Brustkrebs-Patientinnen“ ein anderes. Hilft es zum Beispiel, den richtigen Arzt zu finden? Wilfried Jacobs, Vorstandsmitglied der Deutschen Krebshilfe und bei der AOK maßgeblich an der Entwicklung des Programms beteiligt, verwies da jedoch auf die Brustzentren, bei denen Experten der verschiedenen Fachrichtungen zusammenarbeiten. Er hob aber auch hervor: Brustkrebs ist kein Notfall. Es bleibt Zeit, Fragen zu stellen: Wird in diesem Krankenhaus erst eine Stanzbiopsie gemacht, um vor der OP sicherzustellen, dass der Knoten bösartig ist? Und welche anderen Möglichkeiten gibt es für Diagnostik, Operation, Chemotherapie, Hormontherapie, Bestrahlung, Reha, Nachsorge? Wenn eine Patientin als chronisch Kranke in ein Disease Management Programm eingeschrieben ist, wird sie künftig einen Arzt als Lotsen beanspruchen können.

Sibylle Herbert: Überleben Glückssache. Was Sie als Krebspatient in unserem Gesundheitswesen erwartet. Scherz 2005

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