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Aufklärung der Missbrauchsfälle : Missbrauchsopfer fordern Geld vom Jesuitenorden

Ein halbes Jahr nach dem Bekanntwerden von sexuellem Missbrauch an deutschen Jesuitenschulen werfen die Opfer der Kirche eine Verzögerungstaktik vor. Es geht vor allem um finanzielle Entschädigung.

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Ausgangspunkt des Missbrauchsskandals. Die Fälle am Berliner Canisius-Kolleg wurden als erstes bekannt. Foto: ddp
Ausgangspunkt des Missbrauchsskandals. Die Fälle am Berliner Canisius-Kolleg wurden als erstes bekannt.Foto: ddp

Die aufwühlende Begegnung ist zwei Monate her. Ende Mai trafen sich 30 Männer, die als Jugendliche von Jesuitenpatres missbraucht wurden, mit sechs Vertretern des Ordens. Damals hatten die Betroffenen mit den Jesuiten auch über finanzielle Genugtuung gesprochen. Die Jesuiten signalisierten, dass man die Forderung verstehe und darüber nachdenke, wie eine Entschädigung aussehen könnte. Pater Mertes sagte dem Tagesspiegel vor einem Monat: „Sühne muss auch wehtun. Es geht nicht, dass ich ein bisschen von der Portokasse abgebe. Das wäre ein billiges Freikaufen.“ Einen konkreten Vorschlag hat der Orden aber noch nicht vorgelegt.

Im Januar waren am Canisius-Kolleg die ersten Missbrauchsfälle bekanntgeworden. Sie lagen oft mehr als 20 Jahre zurück. Danach meldeten sich mehr als 200 Männer, die Jesuitenschulen in Berlin, Bonn oder im Schwarzwald besucht hatten. Die Betroffenenorganisation Eckiger Tisch, die hauptsächlich aus ehemaligen Schülern des Berliner Canisius-Kollegs besteht, wirft dem Orden nun „Verzögerungstaktik“ vor. „Man versteckt sich hinter dem Runden Tisch der Bundesregierung“, sagte Matthias Katsch am Montag bei einer Pressekonferenz, auf der der Eckige Tisch Bilanz zog. Der Runde Tisch tage erst im September wieder. „Wir wollen möglichst schnell mit dem Thema abschließen“, sagte Katsch, die psychische Belastung sei groß. Bislang liege aber weder ein Vorschlag zur finanziellen Entschädigung vor noch Hilfsangebote. Jedes Opfer müsse einzeln zum Hausarzt gehen, dort die Leidensgeschichte erzählen und hoffen, dass die Krankenkasse die Therapie übernimmt. „Das ist sicher nicht die opfergerechte Hilfe, über die wir bei unserem Treffen Ende Mai gesprochen haben“, sagte Katsch am Montag.

Wie hoch die Entschädigung ausfallen soll, wollten die Vertreter des Eckigen Tisches nicht sagen. Es müsse ein „signifikanter Betrag“ sein, sagte Katsch und verwies auf Österreich. Dort hat die katholische Kirche einen Fonds aufgelegt, aus dem Opfer zwischen 5000 und 25 000 Euro bekommen können – gestaffelt nach Schwere ihres Falls. Von einer Staffelung hält der Eckige Tisch allerdings nichts. Wer soll denn beurteilen, wie „schwer“ ein Fall war, sagte Katsch. Auch Ex-Gesundheitsministerin Andrea Fischer, die für die Betroffeneninitiative Eckiger Tisch ein Zweitgutachten zu den Missbrauchsfällen an den Jesuiten-Kollegs verfasst hat, findet, dass eine Staffelung eine „abenteuerliche Sache“ wäre.

„Der Orden hat als pädagogische und moralische Instanz versagt“, sagte Fischer. Es bestehe aber kein Zweifel, dass der deutsche Zweig heute alles tue, um aufzuklären. Der Ordenszentrale in Rom warf Fischer allerdings Untätigkeit vor, was die weltweite Aufklärung von Missbrauch an Jesuitenschulen angeht. So sei bislang der Frage nicht intensiv nachgegangen worden, ob es in Chile weitere Opfer von Jesuitenpater S. gibt. Pater S. war einer der beiden Haupttäter, die in den 70er und 80er Jahren Jugendliche an mehreren deutschen Jesuitenschulen körperlich missbraucht haben.

Vor zwei Wochen hatten sich drei frühere Jesuitenobere bei den Opfern entschuldigt und zu erklären versucht, warum sie vor 30, 40 Jahren nicht gehandelt haben. Man könne „Verantwortliche und ihr Tun und Lassen nur aus ihrer jeweiligen Zeit heraus gerecht beurteilen“, hatte der Ex-Provinzial Johannes Gerhartz geschrieben. Zu bestimmten Dingen zu schweigen, sei damals eben eine in den Konstitutionen des Ordens festgeschriebene Reaktion gewesen. Eine solche Aussage sei schlichtweg „unverfroren und zynisch“, sagte Matthias Katsch. Pater Gerhartz war 1992 Generalsekretär der Jesuitenzentrale in Rom. Über seinen Schreibtisch ging die Laisierungsakte von Pater S., der zugegeben hatte, „in mehreren hundert Fällen“ Jugendliche geschlagen und gedemütigt zu haben. Seine Selbstbezichtigung blieb folgenlos.

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