Aufklärung : Wie sagt man einem Patienten, dass er Krebs hat?

Ingo Bach

Der Patient reagierte verzweifelt: „Als sich der Chefarzt zu mir ans Krankenbett setzte, wusste ich, dass ich sterben würde.“ Andreas Grüneisen, Oberarzt der Klinik für Innere Medizin am Vivantes-Klinikum Neukölln, wählt dieses Beispiel, um zu zeigen, welche Signale ein Arzt unbeabsichtigt ausstrahlen kann. Die Diagnose Krebs überrollt das Leben eines Menschen wie eine Tsunami-Welle. „Kein Stein bleibt auf dem anderen“, sagt Reiner Kunz, Chefarzt der Chirurgie des St. Joseph-Krankenhauses. Viele Berliner Kliniken, die Tumorkranke behandeln, haben wie das St. Joseph-Krankenhaus deshalb speziell ausgebildete Psychoonkologen. Diese sollen helfen, dass der Patient wieder klar denken kann – danach.

Denn den ersten Schritt hat der Arzt getan. Er muss seinem Patienten den Befund mitteilen. „Niemals dabei lügen“, sagt der Chirurg Kunz. Aber man müsse bei der Information auch die persönliche Situation des Kranken berücksichtigen. „Wer die ganze Wahrheit wissen will, dem sage ich sie auch. Der informierte, verstehende Patient ist der beste Partner für die Therapie.“ Denn er begreife die Situation und die Wichtigkeit der Therapie.

Ernst Späth-Schwalbe ist oft Überbringer schlechter Nachrichten. Seit 14 Jahren arbeitet der 51-Jährige als Onkologe, seit sechs Jahren ist er Direktor der Klinik für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie am Vivantes-Klinikum Spandau. Wie sagt man einem Patienten, dass er bald sterben wird? Immer aufrichtig bleiben, sagt Späth-Schwalbe. Das bedeute zwar nicht, den Patienten mit jedem Detail des Befundes zu belasten. Aber Hoffnung auf Heilung machen, wo dazu kein Grund mehr besteht, sei falsch. Der Onkologe benutzt das Bild eines Mantels. „Der Patient hat die Chance, ihn anzuziehen oder abzulehnen“ – sprich die Wahrheit nicht in allen Details zu erfahren.

Wenn ein Patient ihn nach der verbleibenden Zeit fragt, antwortet Ernst Späth-Schwalbe mit einer Gegenfrage. Warum ist das wichtig für Sie? Und dann hört er von der Großmutter, dass sie gerne noch erleben würde, wie ihr Enkel eingeschult wird. Dann könne man eine vorsichtige Prognose wagen, meint der Arzt. Bei den meisten Fragenden aber stehe dahinter der Wunsch zu hören, dass es doch noch Hoffnung gebe. „Dann muss ich es deutlicher sagen: Das Ziel ist nicht mehr die Heilung, aber dafür die Verlängerung des Lebens, die Verbesserung der Lebensqualität.“ Ingo Bach

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