Berlin : Aufräumen für den Frieden

Unter den Linden fügen sich die Kriegsgegner der Polizei

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„Los, Leute, packt mal an!“, ruft Jörg. „Das muss alles sauber werden.“ – „Ooch Mann!“ – „Nicht ,ooch Mann’!“, schreit Jörg. „Um zwölf kommen die Bullen, wenn das hier aussieht wie auf’m Schlachtfeld, fliegen wir runter!“ Jörg Thiede ist Gründer des Friedenscamps auf dem Mittelstreifen Unter den Linden. Am Mittwoch wurde er von der Stadt Berlin darüber informiert, dass das Zeltlager vor der amerikanischen Botschaft inzwischen eher eine Party als eine Mahnwache gegen den IrakKrieg sei. Es müsse wieder auf das genehmigte Maß – ein Unterstand, ein paar Sitzmöglichkeiten, ein paar Plakate – reduziert werden. Man hatte ihnen eine Frist bis Donnerstag Mittag gesetzt, Anwohner hätten sich beschwert.

Deswegen macht Jörg seinen zwanzig Mitstreitern Beine. „Das Feuerholz muss auch noch weg“, sagt Jörg. „Wir dürfen ja jetzt kein Feuer mehr machen.“ Matratzen werden ins Zelt gezerrt, herumliegende Protestschilder von der Straße aufgesammelt, vorsichtig wird der Mittelstreifen mit einer Harke bearbeitet. Es ist wie das Reinemachen vor Muttis Besuch in der neuen Wohnung. Dann kommt Mutti. Die Polizei fährt vor und fordert die Camper auf, bis Freitag 13 Uhr Geräte wie den Hometrainer verschwinden zu lassen oder eine Sondernutzungsgenehmigung für ihre Aktivitäten Unter den Linden zu beantragen.

Schließlich brauchen andere so etwas auch. Etwa Dieter Wollstein, Geschäftsführer des Café Einstein. Er hat seinen Ausschank auf dem Mittelstreifen direkt neben dem Camp. Der Café-Chef legt allerdings Wert auf die Feststellung, dass er sich nicht an die Polizei gewandt hat. Vielmehr sei die Polizei selbst auf das Café zugekommen. „Natürlich habe ich mich nicht beschwert, dass unser Areal wieder frei wurde“, sagt Wollstein. „Vor allem, weil wir am Wochenende viele Gäste erwarten und auch schon Umsatzeinbußen zu verzeichnen waren.“ Trotzdem hat er die Friedenscamper sogar unterstützt. „Er hat uns Stühle ausgeliehen, wir durften die Toiletten im Café benutzen und Wasser holen“, sagt Friedensfreund Markus Kunkel. Und für die Hunde gab’s Würstchen.

Man habe die Kriegsgegner toleriert, sagt Wollstein, aber „es gibt halt gewisse Normen“. Wenn der Krieg vorbei ist, müsse man mal schauen, wie die ganze Sache hier weitergeht. Die Friedenscamper wissen das schon. „Wir bleiben auf jeden Fall noch bis zum 4. Juni“, sagt Jörg. „Es sei denn, die schmeißen uns hier vorher runter.“ chh

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