Aufruf der Kirchen in Lichtenberg : Denn Jesus würde wählen

Kirchen rufen Gläubige zum Urnengang - gerade dort, wo das besonders nötig ist. Denn Lichtenberg belegt regelmäßig einen der hintersten Plätze bei der Wahlbeteiligung.

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Lichtenberg gehört zu den Bezirken, in denen die Wahlbeteiligung gering ist.
Lichtenberg gehört zu den Bezirken, in denen die Wahlbeteiligung gering ist.Foto: dpa

„Wir waren wählen“, begrüßt ein älteres Ehepaar die Gemeindepädagogin, sichtlich stolz. Denn dass man zur Wahl geht, ist hier in Lichtenberg ganz und gar nicht selbstverständlich. Der Bezirk belegt regelmäßig einen der hintersten Plätze bei der Wahlbeteiligung.

Die kleine Kirche am Fennpfuhl ist nicht einfach zu finden zwischen den hohen Plattenbauten. Nähert man sich vom Park, vom Fennpfuhl, verdecken Bäume die Sicht. Aber es ist wie mit den Wählerstimmen und dem Glauben: Die Größe ist nicht alles. Jede einzelne Stimme, jede kleine Hoffnung kann die Welt verändern. Davon jedenfalls sind Christen überzeugt, wie Gemeindepädagogin Britta Albrecht-Schatta in ihrer Predigt ausführt.

Sie versucht, den Menschen Mut zu machen, sich auf Neues einzulassen, auf Veränderungen nicht nur mit Angst zu reagieren. Schließlich sei Jesus nicht in die Welt gekommen, damit alles beim Alten bleibt. Im Foyer liegt eine zerlesene Ausgabe der Kirchenzeitung. Darin ruft Landesbischof Markus Dröge auf: „Gehen Sie wählen“. Wählen sei Menschenrecht und „Christenpflicht“. „Suchet der Stadt Bestes“, heißt es in der Bibel. Das bedeute, schreibt der Bischof, dass alle, die Regierenden und die Regierten, Verantwortung fürs Gemeinwohl tragen. Auch Kardinal Rainer Maria Woelki hatte vergangene Woche die Gläubigen zur Stimmabgabe aufgerufen.

Eine Viertelstunde mit dem Fahrrad in den Süden sitzen 600 Protestanten aus ganz Lichtenberg in der Erlöserkirche in der Nöldnerstraße Schulter an Schulter. Der Kirchenkreis Lichtenberg-Oberspree hat zu einem kleinen Kirchentag geladen. Es geht um Toleranz. Wie tolerant müssen Christen sein? Was kann man gegen die Intoleranz der anderen tun? Im Gebiet des Kirchenkreises liegen zwei NPD-Verbände und auch das Flüchtlingswohnheim, gegen das so viel und heftig protestiert wurde. Die Gemeinde dort um die Ecke hat die Flüchtlinge willkommen geheißen.

Wen man fragt, auch hier haben alle gewählt oder wollen noch ins Wahllokal. Die Gegend um den Nöldnerplatz hat sich verbürgerlicht, auch durch Zuzug. Das steigert die Wahlbeteiligung.

Die Veränderung scheint sogar Wahllokal 319 erreicht zu haben. Im Oberstufenzentrum Hein Moeller zwischen Gewerbepark, Herzberge-Krankenhaus und Plattenbauten war die Wahlbeteiligung in den vergangenen Jahren niedriger als irgendwo sonst in Berlin. Bei der Bundestagswahl 2009 lag sie bei 28,4 Prozent. Diesmal haben die sieben Wahlhelfer mehr zu tun. Zahlen wollen sie nicht nennen, sie wissen um das schlechte Image des Wahllokals. Nur so viel: Seit 2009 wurde auch hier gebaut und saniert, neue Wähler sind zugezogen. Gegenüber vom Wahllokal wirbt ein Bauträger an diesem Mittag mit Bratwurst und Sekt für seine geplanten Wohnungen. Sein Slogan: „Lust auf Veränderung?“

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