Berlin : Aufruf zum Querdenken

Debatte zum Sozialstaat im Forum Tagesspiegel

G,a Bartels

„Was wir brauchen, sind Querdenker“, sagt Abtprimas Notker Wolf. In den Firmenvorständen säßen die Leute Jahr um Jahr zusammen und dächten irgendwann alle dasselbe. Andere Ideen würden dort nur abgestraft. Ursula Engelen-Kefer stimmt zu: „Ja, nötig sind Menschen mit Mut und Zivilcourage!“. Die sind aus Sicht von Notker Wolf in Deutschland aber schon durch die historische Prägung Mangelware. „Die Leute bei uns suchen die Bequemlichkeit. Sie rufen nach dem Staat und wollen ihr kindliches Leben weiterführen.“ Dafür gibt’s Szenenapplaus im gut gefüllten Großen Saal des Rotes Rathauses.

„Raus aus dem Käfig der Bequemlichkeit“, lautete denn auch der Titel der gestrigen Diskussionsveranstaltung im Forum Tagesspiegel, moderiert von der stellvertretenden Chefredakteurin Ursula Weidenfeld und RBB-Moderator Andreas Schneider. Zwei Antipoden der bundesdeutschen Sozialstaatsdebatte trafen aufeinander: Abtprimas Notker Wolf, Chef von rund 800 Benediktiner-Abteien mit 25 000 Nonnen und Mönchen weltweit, und Ursula Engelen-Kefer, bis März stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Sie ist eine der profiliertesten Verfechterinnen der sozialen Sicherungssysteme im Land. Er hat sich mit seinem Buch „Worauf warten wir? - Ketzerische Gedanken zu Deutschland“ verdächtig gemacht, ein Neoliberaler zu sein, der als Ablenkungsmanöver E-Gitarre in einer Rockband spielt.

Zusammen kommen der Charismatiker im schwarzen Ordenskleid und die Funktionärin im roten Anzug auch nur bei ihrem Aufruf zum Querdenken. Sozialleistungen wie Hartz IV verhindern laut Notker Wolf die Eigeninitiative der Menschen und sorgen für landesweiten Stillstand. „Als erstes sollten wir den Staat aus der Verantwortung für unser Lebensglück entlassen“, schreibt Notker Wolf. Engelen-Kefer sieht das anders: Sie will den staatlichen Rahmen neu und offensiv gestalten. Und zwar nicht mehr national, sondern global. Er will weniger Staat, sie will einen anderen.

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