Berlin : Aufruf zur Besonnenheit

Wie türkische Blätter die deutsche Debatte über die Unruhe in Frankreich bewerten

Suzan Gülfirat

Nachdem bei den schweren Jugendunruhen in Frankreich bereits Tausende von Autos in Flammen aufgegangen waren, brannte es zum Anfang vergangener Woche auch in Berlin: Unbekannte hatten in Moabit mehrere Autos angezündet. „Abscheuliche Provokation in der Hauptstadt Berlin“, schrieb die Tageszeitung „Türkiye“ zum Bericht aus Berlin auf ihrer Europa-Seite am nächsten Tag. „Jemand möchte die Ereignisse, die zurzeit Frankreich erschüttern, nach Deutschland tragen“, mutmaßte das Blatt in den Unterzeilen.

Bis dahin spielten die Ereignisse in Frankreich auf den Europa-Seiten der türkischen Zeitungen kaum eine Rolle. Als jedoch die deutsche Öffentlichkeit die Frage diskutierte, ob so etwas auch bei uns passieren kann, und zur gleichen Zeit in Berlin Wagen brannten, änderte sich das. „Die Leidenschaft, türkische Jugendliche als Sündenböcke zu benutzen“, kommentierte die „Hürriyet“ zum Beispiel in einer Überschrift am Dienstag ironisch die Art und Weise, wie hierzulande diskutiert wird. Am Mittwoch widmete die Zeitung mehr als die Hälfte der Titelseite der Europa-Beilage einer Erklärung des türkischen Botschafters, Mehmet Ali Irtemcelik: „Irtemcelik kritisiert all die, die fragen, ob die Ereignisse in Frankreich auf Deutschland überspringen könnten“, schrieb die Zeitung. Die Überschrift dazu war ein Zitat des Diplomaten: „ Man fügt seinem zweiten Heimatland keinen Schaden zu.“

Die „Türkiye“ brachte am selben Tag auf ihrer Titelseite einen „Aufruf zur Besonnenheit“ des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan an seine Landsleute in Europa, damit sie sich „von diesen gewalttätigen Aktionen“ fern halten. Ihre Europa-Seite widmete die Zeitung fast ganzseitig den Äußerungen deutscher Politiker. Zum Beispiel zitierte das Blatt Regierungssprecher Thomas Steg: „Zieht keine voreilige Schlüsse!“ Mit Blick auf Frankreich hatte er in Berlin erklärt, dass wir uns vor „voreiligen Analogien und Rückschlüssen“ hüten sollten, dass „das auch in Deutschland bevorsteht.“ Genauso kam auf dieser Seite der designierte Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) zu Wort: „Wir müssen uns mehr um ausländische Jugendliche kümmern.“

Die „Milliyet“ zog es am Mittwoch vor, in ihrer Europa-Beilage den Aufruf türkischer Vereine an die jungen Türken in Berlin, sich nicht an den „Provokationen“ zu beteiligen, zu veröffentlichen. Auf derselben Seite zitierte die Zeitung in einer Überschrift Innensenator Ehrhart Körting (SPD) mit einem türkischen Sprichwort: „Schickt an die Verrückten keine Einladung.“ Damit umschrieb die „Milliyet“ die Kritik des Senators an all denjenigen, die gesagt hatten: „Das haben wir in ein paar Jahren auch hier.“

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