Berlin : Aufschauen zum Christus in Canisius

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Immer wieder streicht Pater Giesener während der Predigt mit den Händen über den hellen Kalkstein. Manchmal packt er auch eine Seitenkante, als wolle er sich vergewissern, dass der Altarblock wirklich so massiv ist wie er aussieht. Noch ungewohnt sei der neue Altar, die hohen hellen Räume, so viel Beton, sagt Giesener. Auch für die rund 200 Menschen, die in die Charlottenburger Canisius-Kirche gekommen sind. Immer wieder schauen sie an den schmucklosen weißen Wänden nach oben oder mustern das goldene Tabernakel, das auf einem Kalksteinsockel wie auf einem Kalvarienberg thront. Es ist einer der ersten Gottesdienste seit der Neubau an der Witzlebenstraße vergangene Woche geweiht wurde.

Schwer und unverrückbar steht der Altarblock aus gelb-rötlichem Kalkstein im Zentrum des Kirchenraums – wie ein Fels, wie Gott, sagt Giesener. Alles im Leben gehe heute so schnell, Entscheidungen, Begegnungen, Abschiede. Aber Gott sei ein festes Fundament, auf das man sich verlassen könne. Er sei immer da und stehe wie eine Festung im Wandel der Zeiten. Am besten drücke das der Psalm 23 aus: „Wenn ich auch wandere durch ein finsteres Tal, so fürchte ich doch kein Unglück. Denn Du bist bei mir.“

Der Predigt lag das 11. Kapitel des Matthäus-Evangeliums zugrunde. Darin preist Jesus seinen göttlichen Vater dafür, dass er sich nicht den Klugen und Weisen offenbart hat, sondern den einfachen Menschen, denen, die eine Last tragen müssen. Pater Giesener lässt seinen Blick durch den hellen, weiten Raum schweifen und fixiert auf einmal die rechte Seite. Dort oben, in elf Metern Höhe, hängt eine gekrümmte Gestalt mit Dornenkrone. Ihre Arme hat die Christusfigur weit ausgebreitet. Der gewaltige Körper aus Eisenblech hat den Brand überstanden, der die Vorgängerkirche 1995 vollständig zerstört hat. Das Feuer hat allerdings die Unterarme und Hände leicht verformt und nach unten abgewinkelt. Dadurch erinnert die Leidensfigur an die Zerstörung und an den Untergang, dem man überall in der Welt begegnet, sagt Giesener. Zu ihr, dieser fragilen und gleichzeitig mächtigen Figur, der einzigen im gesamten Kirchenraum, sollen wir aufschauen wie zu Jesus Christus. Und so wie Jesus zu Gott aufschaute und darauf vertraute, dass er ihn über den Tod hinaus begleiten würde. Denn so sehr habe Jesus seinen göttlichen Vater geliebt, dass er ihm sein Leben gegeben habe. Und so sehr habe Gott die Menschen geliebt, dass er ihnen seinen einzigen Sohn opferte. Deshalb könnten wir ihm ruhig trauen. Und wer Gott vertraue, dem nehme Gott Sorgen und Ängste ab und dem mache er Mut.

Nicht alle Besucher des neuen Kirchenbaus sind allerdings von seiner symbolischen Kraft so überzeugt wie Pater Giesener. Manchen ist das Innere zu hell und zu offen. Wie soll man auf so einem Marktplatz zu sich selbst finden, fragt einer. Der Betonquader sei zwar ein gelungener moderner Bau, doch erinnere er eher ans Kanzleramt und habe etwas Beliebiges, sagen andere. Über einen Raum sind sich aber alle einig: die kleine Marienkapelle am Eingang der Kirche ist gelungen. Sie ist ganz aus Lärchenholz errichtet und hat abgerundete Wände. In ihr fühle man sich rundum wohl, sicher und angekommen. Claudia Keller

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