Berlin : Aufstand der Mütter

Vor 60 JahrenverhaftetenNazis 2000Berliner Judenin Fabriken. Doch mutige Frauen befreiten sie. Eine Tochter erinnert sich

Heike Eberhardt

„Es war so bitter kalt“, sagt Ruth Recknagel. An der Hand der Mutter musste sie mit in die Rosenstraße, stand vor dem Gebäude mit den Hausnummern 2 bis 4. „Vati ist hier. Sie haben ihn verhaftet“, hatte die Mutter gesagt. Zwölf war die heute 72-jährige Ruth Recknagel damals. Ein Kind, zitternd vor Angst, den Vater nicht mehr wiederzusehen. Ein Kind von hunderten, deren Väter in der ehemaligen Sozial-Verwaltung der jüdischen Gemeinde inhaftiert waren. Heute vor genau 60 Jahren, am 27. Februar 1943, ließen die Nazis in Berlin fast 2000 Männer, Frauen und Jugendliche abholen – aus ihren Wohnungen und vom Arbeitsplatz. Die „Fabrik-Aktion“ hatte zum Ziel, Berlin bis Ende März „judenfrei“ zu machen. „Mischlinge“ oder die in „Mischehen“ lebenden Juden sollten deportiert und getötet werden.

Die Aktion funktionierte nicht, wie die Nationalsozialisten es sich vorgestellt hatten. Tausend Menschen blockierten die Rosenstraße. Frauen mit Stullenpaketen, die drängten, zu ihren Männern und Kindern vorgelassen zu werden. „Immer wieder wurden wir von Uniformierten aufgefordert, weiterzugehen. Also liefen wir auf und ab und auf und ab – aber weggegangen sind wir nicht“, erinnert sich Ruth Recknagel. Der Vater, Alfred Schwersenz, war aus seinem Schlossereibetrieb abgeholt worden. Doch um sicher zu gehen, wirklich alle Juden zu bekommen, war die Polizei auch zuhause erschienen. So hatte die Mutter, Lucie Schwersenz, erfahren, wo ihr Mann geblieben war. Fast zwei Wochen stand sie in der Rosenstraße, während der Woche ohne die Tochter. Ruth sollte ja zur Schule gehen. „Ich musste dann meinen kleinen Bruder, einen Säugling, versorgen und zu meiner Großmutter bringen. Alles allein – und ohne davon in der Schule etwas erzählen zu können.“

Der Protest, wohl die einzige offene Auflehnung in dieser Zeit, hatte Erfolg. Die Männer kamen frei, weil die Frauen sich nicht einschüchtern ließen. „Ich war so ohnmächtig und voller Angst in diesen Tagen“, erinnert sich Ruth Recknagel, „und unvorstellbar erleichtert als mein Vater wieder in der Wohnung stand.“ Doch die Bedrohung, die Schikanen und Demütigungen blieben. Juden durften nur zu bestimmten Zeiten einkaufen, Weißbrot und Obst gab es gar nicht für sie. Bestimmte Straßenzüge, etwa Unter den Linden, durften nicht betreten werden. Der Vater musste auch weiterhin Zwangsarbeit leisten – bei einer Abbruchfirma. „Wahrscheinlich glaubten sie, Juden durch gefährliche Arbeiten doch noch loszuwerden.“

Die Kindheitserfahrung hat Ruth Recknagels Lebensweg geprägt: Nach dem Krieg hat sie Abitur gemacht, Jura studiert und ist Richterin geworden. Sie lebt in Steglitz und ist heute noch Direktorin der Wiedergutmachungsämter von Berlin und damit Deutschlands älteste aktive Richterin. Ihre Großeltern und ihr Onkel sind im KZ umgekommen. „Wir haben überlebt, weil meine Mutter zu ihrem jüdischen Mann gehalten hat“, sagt sie und: „Ich habe heute noch Hochachtung vor diesen mutigen Frauen.“ Sie sind nicht vergessen. Derzeit dreht Margarethe von Trotta einen Film über die Frauen aus der Rosenstraße.

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