Berlin : Aufstand der Neuberliner

Zugewanderte Christdemokraten fordern die Führung der Landespartei heraus

Werner van Bebber

Es gibt sie. Keiner weiß, wie viele es sind, doch sie haben sich zu Dutzenden auf den Weg durch die Institutionen der Berliner CDU gemacht: Zugereiste Parteifreunde, denen die Selbstbezogenheit des Landesverbandes auf die Nerven geht. Mitarbeiter von Ministerien, Bundestagsabgeordneten oder aus der Parteizentrale, die sich sagen: So kann das hier nicht weiter gehen. Keiner von ihnen hat es schon zu einem höheren Parteiamt gebracht. Doch in Mitte und in Pankow fallen sie bei den Kreisparteitagen auf – junge Leute mit kantigen Designerbrillen, die lieber im schwarzen T-Shirt zum Parteitag kommen als im dunkelblauen Blazer.

Das ist die unsichtbare Führungsreserve der Berliner CDU, schon gesprächsweise von anderem Kaliber als mancher West-Berliner Parteisoldat. Keiner hat gezählt, wie viele Neumitglieder die Partei in den Hauptstadtbezirken durch den Regierungsumzug gewonnen hat, es gibt nur Schätzungen. Der unterlegene Pankower Direktkandidat Günter Nooke sagt über seinen Ortsverband Prenzlauer Allee, dort sei „deutlich über ein Drittel“ der 110 Mitglieder mit dem Regierungsumzug dazu gekommen. Im ganzen Kreisverband Mitte ist personelle Bewegung. Kreischef Stephan Tromp hat 200 von 1450 Mitglieder als Karteileichen abgeschrieben und ebenso viele gewonnen.

Mit den Neuen kam eine Unruhe in die Berliner CDU, die man nicht gewöhnt war. 2001 formierte sich der Gesprächskreis Hauptstadtunion als Diskussionsrunde mit überregionalem Anspruch. Hauptstadt-Thesen wurden formuliert und diskutiert, volle Säle bewiesen enormes Interesse an der leicht konservativ getönten Debatte. Ausgerechnet Christoph Stölzl, einer der wenigen überregional bekannten Berliner CDU-Politiker, geriet als Landeschef 2002 mit den Hauptstadtunionisten aneinander; ein intellektuelles Paralleluniversum ohne Unterbau durfte und sollte es nicht geben: Die Hauptstadtunionisten wurden aufgefordert, die Mühen der Ebene und die Ochsentouren auf sich zu nehmen.

Viele haben das getan. Zufriedener hat es die wenigsten gemacht, und auch der Führung steht womöglich Ungemach ins Haus. Denn die zugewanderten Parteifreunde wollen sich nicht damit abfinden, dass das Wahldesaster mit dem Berliner 22-Prozent-Ergebnis in einer Kommission erörtert und erledigt wird. Eine Reihe von CDU-Mitgliedern aus Mitte will Landeschef Ingo Schmitt zur offenen Diskussion über Fehler des Berliner Wahlkampfs auffordern. Klausuren und Kommissionen reichten nicht, sagen Schmitts Kritiker und denken an kreisübergreifende Regionalkonferenzen: um über die Schwächen im Wahlkampf zu reden, aber auch, um den Ideenpool der Mitglieder zu nutzen. Noch wollen die Kritiker keinen offenen Angriff, namentlich will sich niemand zitieren lassen. An diesem Dienstag soll ein Brief an Schmitt herausgehen. Der Landeschef müsse auf den Vorschlag reagieren können, bevor die Kritiker laut werden, sagen sie.

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