Auftritt im Admiralspalast : „Wir machen keine Witze“

Peer Steinbrück war Ministerpräsident, Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat. Jetzt geht er mit dem Kabarettisten Florian Schroeder auf Tour. Ein Gespräch.

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Verstehen sich gut: Peer Steinbrück und Florian Schroeder treten gemeinsam auf der Bühne auf.
Verstehen sich gut: Peer Steinbrück und Florian Schroeder treten gemeinsam auf der Bühne auf.Foto: Mike Wolff

Herr Schroeder, die aktuelle Situation der SPD mit ihrem Messias auf dem schlitternden „Schulzzug“ ist eigentlich eine Steilvorlage für Kabarettisten. Welcher Gag würde Ihnen ad hoc einfallen?

Schroeder: Mich hat gewundert, dass der Schulzzug entgleist sein soll. Eigentlich kann nur ein Zug entgleisen, der schon mal gefahren ist. Es gab aber nur einen kurzen Versuch anzufahren, aber man ist ja nicht mal aus dem Bahnhof wirklich herausgekommen. Es gab nur diesen kurzen Hype. Da wird einer hochgejazzt und im nächsten Moment ist alles vergessen. Diese Extreme sind problematisch.

Das ist nicht sonderlich witzig.

Schroeder: Komik ist Tragik in Spiegelschrift, sagt die Band Freundeskreis. Ich beobachte bei mir selbst und in der Unterhaltungsbranche allgemein, dass sich aufgrund der Weltlage Momente der Ernsthaftigkeit einstellen. Es wird mehr hinterfragt, weniger bloß „gemeint“. Das ist mir deutlich lieber, als wenn wir uns über Merkels Gesichtszüge lustig machen.

Steinbrück: In unserem Programm machen wir keine Witze. Wir spiegeln Politik mit einer gewissen Ironie und auch mit einer Bereitschaft, etwas zu verfremden, um damit Politik klarer zu machen.

Den Deutschen wird immer wieder vorgeworfen, sie seien ein humorloses Volk. Würden Sie diese Einschätzung aus Ihrer Sicht als Politiker teilen?

Steinbrück: Es ist schwer, Kollektiven Adjektive zuzuordnen, aber ich bin nahe dran, das zu bestätigen. Ich weiß nicht, ob das mit der deutschen Romantik oder dem deutschen Idealismus zu tun hat, aber wir sind gelegentlich sehr ernst. Eine Mischung aus mediterraner Leichtfüßigkeit, britischer Ironie und skandinavischem Pragmatismus stünde uns gut.

Schroeder: Ich finde, der Humorstandort Deutschland hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Das Klischee vom humorlosen Deutschen stimmt nicht mehr. Unser Problem ist das Abgründige, der schwarze Humor. Da sind schon die Österreicher bedeutend weiter. In Sachen Ironie sind wir immer noch ein Entwicklungsland. Die Reaktion darauf ist eine Jugend, die sich fast nur noch ironisch ausdrückt.

Ironisch gemeint hatten Sie, Herr Steinbrück, eigentlich auch den Mittelfinger, den Sie im Wahlkampf 2013 in einem Bilder-Interview gezeigt haben.

Steinbrück: Das hat mich bei der Wahl zwei Prozent gekostet. Es gibt einen Teil der Bevölkerung, der wünscht sich einen kantigen, manchmal provozierenden Politiker. Aber diese – vor allem jungen – Menschen waren 2013 in der Minderheit. Insofern war dieser Fingerzeig ein Fehler.

Von Steinbrück bis Hitzfeld: Berühmte Stinkefinger
Einen Shitstorm erlebte Peer Steinbrück, als er 2013 als SPD-Kanzlerkandidat auf dem Titelblatt des SZ-Magazins den gestreckten Mittelfinger zeigte. Das war eine Woche vor der Wahl.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: dpa
17.03.2015 11:55Einen Shitstorm erlebte Peer Steinbrück, als er 2013 als SPD-Kanzlerkandidat auf dem Titelblatt des SZ-Magazins den gestreckten...

Herr Schroeder, Sie als Profi, wo liegen denn die Grenzen für einen Satiriker?

Schroeder: Es gibt keine objektiven Grenzen, nur subjektive. Meine sind Stiltabus, wie zum Beispiel Behindertenwitze um ihrer selbst willen, generell finde ich humoristisches Nach-unten-Treten immer schlecht. Da sollte man die Finger von lassen. Ansonsten ist die Toleranzgrenze aber sehr weit, selbst von Politikern hört man da wenig Widerspruch. Nur die AfD ist komplett humorbefreit.

Finden Sie es denn in Ordnung, wenn man die Spitzenkandidatin der AfD, Alice Weidel, als „Nazischlampe“ bezeichnet?

Schroeder: Absolut, das ist Satire! Die „Nazischlampe“ war eine Antwort von „Extra 3“ auf den Satz von Frau Weidel, die politische Korrektheit gehöre auf den Müllhaufen der Geschichte. Wer das sagt, muss damit rechnen, dass der Satiriker durch diese offene Tür geht und in bester abendländischer Konsequenzlogik zeigt, wie die Welt aussieht – ganz ohne politische Korrektheit.

Steinbrück: Ich kann diese Argumentation nachvollziehen, aber ich würde widersprechen. Es gibt Stilgrenzen. Die muss jeder für sich selbst entscheiden.

Sie beide trennen also Stilgrenzen, aber auch 32 Jahre und als Hanseat und Badener geografisch ganz Deutschland. Wie haben Sie dennoch zusammengefunden?

Steinbrück: Herr Schroeder hat mir schlicht und einfach einen Satz geklaut.

Schroeder: „Hätte, hätte, Fahrradkette.“ Er behauptet, den Satz erfunden zu haben. Der Satz war 2013 schon ausgelutscht.

Steinbrück: Unsinn! Ich habe diesen Satz bereits aufgegriffen, als Sie noch gar nicht auf der Welt waren – in den 50er Jahren. Dann war er lange eingeschlafen, ich habe ihn revitalisiert, Schroeder hat ihn mir geklaut und hat ihn zu einem Buchtitel gemacht. Darüber habe ich mich künstlich – Achtung! – empört und ihm einen Brief geschrieben.

Klingt nach keinem guten Start.

Schroeder: Wir hatten ja schon einen gemeinsamen Auftritt im September in meiner radioeins-Satireshow ...

Steinbrück: Ich erinnere mich dunkel.

Schroeder: Und ich erinnere mich, dass wir den Zeitplan über Bord werfen mussten, um den Meister auf die Bühne zu bekommen. Es gab kein Vorgespräch, kein Dossier, nichts. Aber er kam auf die Bühne und es wurde eines der lustigsten Gespräche, das ich je geführt habe.

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