Berlin : Auftritt im rechtsextremen Lesezirkel

Neue Vorwürfe gegen umstrittenen Steglitzer Lehrer: Auf Einladung polizeibekannter Radikaler referierte er auf Usedom über die Wehrmacht

Susanne Vieth-Entus

Der suspendierte Steglitzer Lehrer Karl-Heinz S. hat offenbar auf Einladung von Rechtsextremisten auf Usedom aus seinem umstrittenen Buch zur Wehrmachtsausstellung referiert. Die Veranstalter kämen „eindeutig aus der rechten Szene und aus dem Dunstkreis bekannter Neonaziführer“, bestätigte die Anklamer Polizei dem Tagesspiegel auf Anfrage. Möglicherweise gibt dieser Auftritt dem seit drei Jahren laufenden Disziplinarverfahren gegen S. eine neue Richtung. Das Magazin „Der Spiegel“ hatte kürzlich über die Schwierigkeiten berichtet, dem Pädagogen Verfehlungen nachzuweisen.

„Uns war von dem Usedomer Auftritt bisher nichts bekannt“, so Thomas John, Sprecher der Senatsbildungsverwaltung. Seine Behörde ist damit befasst, den Fall S. aufzuklären, und hat bereits dutzende Zeugen vernommen: Eine Elterninitiative hatte dem Lehrer anhand seiner Publikationen unter anderem „Rechtsradikalismus und Antisemitismus“ vorgeworfen.

Jetzt könnte das Verfahren wieder Schwung bekommen: Die entscheidende Frage ist, ob es mit dem gesetzlich festgelegten Mäßigungsgebot eines Beamten vereinbar ist, wenn er sich bewusst oder unbewusst vor den Karren polizeibekannter Rechtsextremer spannen lässt. Immerhin brüstet sich die Neonazi-Szene mit dem Auftritt des „renommierten Historikers“ S. auch jetzt noch ausführlich im Internet.

Anlass für den Auftritt des Lehrers am 19. Juli auf der Ostseeinsel war die bevorstehende Eröffnung der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ in Peenemünde. Die rechte Szene Vorpommerns hatte sich laut Polizei vorgenommen, möglichst viele Gegner der Ausstellung zu mobilisieren. Teil dieser Kampagne waren die Aktivitäten des eigens gegründeten „Lesezirkels zur Wehrmachtsausstellung“, der dann auch die Veranstaltung mit S. organisierte. „Der Veranstalter war uns als rechtsextrem bekannt“, so Anklams Polizeisprecher Axel Falkenberg. Für die örtliche Polizei war dies Anlass genug, Anfang Juli im „Banneminer Krug“ aufzutauchen, wo S. den Vortrag halten sollte. Man habe den Gastwirt davon überzeugen können, die Veranstaltung abzusagen, so Falkenberg, indem man ihm erklärte, dass er mit einer Räumung zu rechnen habe, falls der Redner Volksverhetzung betreiben werde. Allerdings fand der „Lesezirkel“ eine andere Kneipe für den Vortrag.

Nach Angaben des Anwalts des Pädagogen hatte S. keine Ahnung davon, dass sich hinter dem „Lesezirkel“ rechtsextreme Kräfte verbergen. „Woher hätte er das wissen sollen?“, fragt Torsten Hippe. Im Übrigen habe S. bei seinem Vortrag „keine Glatzköpfe gesehen“, zitiert Hippe seinen Mandanten. Generell findet Hippe aber nichts dabei, dass S. der Einladung des „Lesezirkels“ folgte. Schließlich komme es darauf an, was man referiere und nicht auf wessen Einladung.

Der „Lesezirkel“ war mit dem Auftritt von S. vollauf zufrieden, wie er in einer Pressemitteilung verlautbarte. Die Mitteilung endet mit der Forderung nach der „sofortigen Schließung der Schandausstellung, denn die Deutsche Wehrmacht war die ehrenvollste und ruhmreichste Armee der Welt“.

Noch ist völlig offen, wie das Verfahren gegen S. endet. Das letzte Wort hat das Verwaltungsgericht, das klären muss, ob die Vorwürfe für eine endgültige Entfernung aus dem Dienst ausreichen. Zwar gibt es als Beweisstück die umstrittene Publikation von S. zur Wehrmachtsausstellung. Aber auch hier gehen die Meinungen auseinander: Das Münchner Institut für Zeitgeschichte legte im Auftrag der Schulverwaltung ein Gutachten vor, das eindeutig zu Ungunsten des Lehrers ausgeht. Andererseits gibt es auch eher unverdächtige Fürsprecher des Buches.

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