Berlin : Augen auf!

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Von Lothar Heinke

Es gibt Tage, die wünscht man dahin, wo sie hergekommen sind, in die Nacht oder ans Ende der Welt, möglichst weit weg. Gestern war so einer. Der Regen weint, der Himmel graut. Der Senat macht das Tor zu. „Mister Wowereit, open this gate!“, möchte man rufen, aber das wäre auch nicht gerade neu. In der Friedrichstraße ahnt man, was geschieht, wenn der letzte kleine freie Platz, das Plätzchen vorm Hotel Unter den Linden, demnächst zugebaut wird. Grauenhaft, diese Sucht nach der Blockrandbebauung. Ein paar Schritte weiter, bei Kiepert, gucken die Bücherfrauen traurig, ein Regal wird schon mit Tüchern verhängt, weil der ganze schöne Laden bald geschlossen wird.

Aber das reicht ja nun immer noch nicht. Wissen Sie, was ab morgen überall drauf steht, wo Optiker Ruhnke drin ist? „Synoptik“. Ja, genau. Das assoziiert sofort diesen neumodischen „Synergieeffekt“, aber wenn man dieser synthetischen Sache auf den Grund geht, versetzt einen die Wortwörtlichkeit doch in Erstaunen, denn Synoptik ist im Deutschen „großräumige Wetterbeobachtung“, und als Synoptiker kennt man die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas. Doch was hat das alles mit Ruhnke zu tun? Mit unserem alteingesessenen, 1896 am Spittelmarkt gegründeten Familienunternehmen mit zuletzt 47 Filialen in fünf Städten? Die Ruhnkes haben ihre Optikerläden komplett an die größte skandinavische Optikerkette verkauft, und die Dänen nennen ihr Unternehmen, an dem die LegoFamilie beteiligt ist, „Synoptik“. Damit verschwindet Ruhnkes Name vom Markt. „Sind’s die Augen, geh zu Synoptik“. Klingt doch toll, oder?

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