Berlin : Augen zu in der U7

Fahrgäste meditierten vom Südstern bis Spandau. Drumherum fiel es im Wagen fast niemandem auf.

Eva Riedmann
Entspannt in der U-Bahn. Am Sonntag begann die Aktion „Slowtime“.Foto: Thilo Rückeis
Entspannt in der U-Bahn. Am Sonntag begann die Aktion „Slowtime“.Foto: Thilo Rückeis

U-Bahnhof Kleistpark: ein Obdachloser steigt ein, will die Motz verkaufen. Dass die Menschen um ihn herum meditieren, bemerkt er nicht. „Ich bitte Sie um eine Spende.“ Er spult seinen Standardsatz ab und hangelt sich durch den Waggon. Eine Frau Mitte 40 öffnet die Augen einen Spalt weit. Ansonsten keine Reaktion.

Acht Frauen und vier Männer meditierten am Sonntagnachmittag in der U7, vom Südstern bis zum Rathaus Spandau. „Slowtime“ heißt die Aktion, unterstützt vonradioeins“ und unter der Schirmherrschaft des Gesundheitssenators Czaja. „Sich zu entspannen ist lebenswichtig“ steht auf der Homepage des Programms. Von 100 Berlinern seien 60 im Dauerstress heißt es in einer Studie. Den ganzen Januar über sollen sie deshalb so richtig durchatmen. An mehreren Orten der Stadt gibt es Yoga, Tai Chi oder Meditationsübungen. Diesmal in der U-Bahn.

„Täglich schwirren rund 80 000 Gedanken durch unseren Kopf“, erklärt Meditationstrainer Johannes Lauterbach bevor die Entspannungsfahrt beginnt. „Jetzt werden wir versuchen, an nichts zu denken.“ Das geht im Grunde genommen ganz einfach: volle Konzentration auf die Atmung, Füße fest auf den Boden, Rücken gerade, Augen geschlossen.

Kaum einem der nicht-meditierenden Fahrgäste fällt die Gruppe auf. Allein an den knallorangenen Ansteckern mit „Slowtime“ darauf könnte man sie erkennen. Zwei Kinder starren auf das „Berliner Fenster“. Sogar die Nachrichten scheinen spannender zu sein. Ab und zu flüstert Trainer Lauterbach seinen Schützlingen Anweisungen zu. Möglichst unauffällig, wie mit der BVG abgesprochen. „Lächeln Sie“, sagt er einer jungen Dame, die aufschreckt, als er sie anspricht. „Das entspannt die Augenmuskulatur.“

An der Endhaltestellen gehen nach 40 Minuten Fahrt die Augen langsam auf. „Das kam mir vor wie 15 Minuten“, sagt eine junge Frau und gähnt. Eine letzte Übung noch zum Wachwerden: Handflächen aneinander reiben und Ohrläppchen kneten. Eva Riedmann

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