Berlin : Augenpulver

Egal ob Goethe, Joyce, Shakespeare oder Marx: Ein Kreuzberger druckt ganze Bücher auf ein Poster.

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Lupenrein.
Lupenrein.

Auf dem iPad, mit einem E-Bookreader oder als App auf dem Handy: Literatur lässt sich heute vielfältig konsumieren – und das ganz ohne Papier. Ian Warner aber mag noch richtige Bücher. Die Digitalisierung von alten Klassikern hat ihn trotzdem auf eine Frage gebracht: „Wie viel Text steckt tatsächlich in einem Buch?“

Warner stand vor dem Bücherregal in seiner Kreuzberger Wohnung und war drauf und dran, „Ulysses“ von James Joyce zu lesen. Wieder einmal. Bisher war er nie über die ersten 50 von über 1000 Seiten hinausgekommen. Und abermals wurde es nichts. Dafür aber hatte er eine Idee: Er wollte „Ulysses“ auf ein einziges Poster drucken.

Der Engländer lebt seit 1996 in Berlin und arbeitet in einem Grafikdesign-Büro in Prenzlauer Berg: Ein altes Fabrikgebäude in einem Hinterhof. Seine Kollegen bei „Blotto-Design“ unterstützten ihn bei seinem Vorhaben. „Ohne sie wäre es wohl ein Schubladenprojekt geblieben“, sagt er. Mit ihrer Hilfe aber setzte er seinen Plan um: Er entwickelte ein ein Meter mal 70 Zentimeter großes Plakat, auf das „Ulysses“ tatsächlich passt. Eine winzige Schrift zieht sich über die ganze Breite, zu entziffern nur mit stark zugekniffenen Augen oder mit Lupe. Absätze hat der 36-jährige Warner durch ein hellgrünes Zeichen ersetzt und dadurch den Text stark verdichtet: Schon aus etwa zwei Meter Entfernung sieht „Ulysses“ so aus wie ein grauer Teppich.

In Produktion ging Warner mit seinem ersten Poster allerdings nicht, dafür erhielt er keine Rechte. Er wagte sich aber an weitere Klassiker: Goethes „Faust I und II“ und Marx „Das Kapital“ auf Deutsch, Shakespeares „Macbeth“ und Homers „Ilias“ auf Englisch – alle passten sie auf ein Poster. „Das sind Ikonen, die jeder kennt, aber nur die wenigsten haben sie tatsächlich gelesen“, sagt der Grafikdesigner. Ob sich das durch seine Poster verändern wird? Sind sie reiner Schmuck oder ernsthafter Lektürestoff? Zumindest der Steuerberater hat sich entschieden: Warner bezahlt 17 Prozent Mehrwertsteuer und nicht die für Bücher üblichen sieben Prozent.

Seit Dezember verkauft der Berliner seine Poster im Internet: Unter dem Namen „All The World’s A Page“ (Die ganze Welt ist eine Seite), frei nach dem Zitat „Die ganze Welt ist eine Bühne“ aus Shakespeares Theaterstück „Wie es euch gefällt“. 20 Euro kostet ein Poster. Die Papprollen für den Versand stapeln sich. Besonders beliebt ist „Das Kapital“, gewissermaßen die Bibel der Kommunisten. Ein ideales Geschenk unter Genossen, sollte man meinen. Das Karl-Liebknecht-Haus aus Mitte aber hat noch kein Interesse gezeigt. Bestellt haben es Investment-Banker, also eher die Gegner.

Bisher hat Warner die Poster ohne Lupe versendet, auf seinem Schreibtisch liegen nun aber etwa 50 kleine Plastikscheiben. Er hat sie im Internet bestellt und will sie in Zukunft beilegen. Vielleicht aber braucht er sie auch für die Leipziger Buchmesse, denn hier hat er im März einen Stand. Er ist gespannt, wie sein Projekt zwischen all den großen Buchverlagen ankommt.

In seiner Kreuzberger Wohnung hat Ian Warner noch keines seiner Poster aufgehängt. Im Bad sei kein Platz mehr an der Wand – als Klolektüre aber finde er sie eigentlich besonders geeignet. „Für das Wohnzimmer muss ich erst einen passenden Rahmen finden“, sagt er. „Ulysses“ hat Warner übrigens immer noch nicht durchgelesen, seine Frau Evi Chantzi aber hat damit begonnen – und ist schon über Seite 50 hinaus. Johan Dehust

Mehr im Internet unter: www.all-the-worlds-a-page.com

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