Berlin : Auguste Eichler, deine Klöße

Auf der Suche nach Geborgenheit: Unendlich viele sind unterwegs im ersten Nachkriegsherbst 1945

Günter Knecht

Viele, schier unendlich viele sind unterwegs in Deutschland in jenem ersten Nachkriegsherbst 1945. Unterwegs, das heißt: nicht als Verwundeter darniederliegen, nicht – oder nicht mehr – gefangen sein, noch einmal davongekommen sein. Unterwegs, auf der Suche nach vielleicht überlebenden Angehörigen – unterwegs, das heißt: sich hineinzwängen in überfüllte Züge, zufrieden sein mit einem Stehplatz auf zwei Beinen, inmitten hautnaher „Mitreisender“ in einem Personenzug – und also nicht im Waggon eines Güterzuges –, nicht unglücklich sein über eine Nachtfahrt, wenn man dabei doch immerhin ein (Bahn-)Dach über dem Kopf hat.

Meine Eltern, ich weiß, sind mit dem Dorftreck geflohen – ich vermute: nach Böhmen. Und also werde ich sie dort (oder im grenznahen Bayern?) zu suchen haben, ich, glückhaft frühzeitig entlassen aus Gefangenschaft. In Waldsassen ragt sichtbar ein Turm: der Kirchturm des Klosters. Und so wie ich denken viele: Wo Kirche ist, da ist irgendwie Unterschlupf, Schutz, Hilfe – oder doch wenigstens der Wille dazu. Und in der Tat: Jeder, der hier anklopft, bekommt einen Teller warme Suppe und darf übernachten im Stroh der Scheune. Das beides ist viel!

Entwurzelte, vagabundierende Menschen unter sich: Wenn die Dunkelheit schützend sie umhüllt, da öffnet sich ihr Mund, schließt die Seele sich auf. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und du ...? Wen suche ich, und wo könnte ich ihn finden? Und wen suchst du? ... Ich will meine Eltern suchen in Böhmen, in der Tschechoslowakei. „Nur das nicht! Sind Sie verrückt? Sie liefen ihren Häschern in die Hände, gerieten hinein in ein unvorstellbar grausames Schicksal …!“

Was tun? Ein großes Frieren kommt über mich, eine Erschöpfung von Leib und Seele – „übermänigt“ nennen wir Schlesier diesen Zustand. Das Wort lässt sich schwerlich übersetzen ins Hochdeutsche. „Übermänigt“! Aber du darfst jetzt nicht krank werden! Lass dich versinken ins Stroh bis zum Kinn, lass dich fallen in eine gnädig-heilsame Nacht!

Am Morgen bin ich wie neugeboren. Ich werde meine Eltern in Bayern suchen, von Ort zu Ort. Weiden, Oberpfalz: Hier sollen viele Flüchtlinge sein, besonders aus Schlesien. Im Bürgermeisteramt stehen sie alle verzeichnet in einer Liste. Mein forschender Blick findet Halt an einem mir altvertrauten Namen: „Eichler – drei Personen aus Domanze, Krs. Schweidnitz“.

Ich finde sie: die Großmutter, die Mutter, das kleine Mädchen. Ich finde sie: ach, nicht in einer regelrechten „Wohnung“, sondern in einer kleinen Stube mit einem Herd. Wir liegen einander in den Armen, Dorfgenossen, Entronnene der Katastrophe. Ja, sie sogar entronnen einem Inferno von Rachsucht, Hass und Gewalt, hinter sich zurücklassend die tschechische Grenze.

„Günter, Ihre Eltern: die sein wul nich’ mehr am Laba, woas da drieba olls possiert ist mit uns Deutscha!“ Meine Eltern nicht mehr am Leben, mein „Stalingrader“ Bruder wohl auch nicht mehr! So bin ich jetzt also allein auf der Welt, meine Familie: die gibt es nicht mehr.

Jedoch: Ein lebendiges Stück unseres Dorfes Domanze, eben: die drei Eichlers, die gibt es noch. Ein Stück Schlesien inmitten der Oberpfalz: Die Oberpfalz – das ist eine arme Gegend von alters her. Jetzt aber, zur Zeit der kargen Lebensmittelzuteilungen, wohnen hier gewiss (fast) nur Arme. Menschen, die zu wenig zu essen haben, viel zu wenig.

Die Flüchtlinge und Vertriebenen jedoch müssen in der Fremde die ganz Armen sein: ohne Beziehung zu irgendeinem, der mehr hat als die anderen, ohne Besitztümer, die man vielleicht eintauschen könnte gegen Lebensmittel. Sie, die ganz Armen, sind wohl nicht weit weg von Gerhart Hauptmanns „Webern“, die ihren Hunger zu stillen versuchen mit Kartoffelschalen.

Wir, die drei Eichlers und ich, wir reden unser Heimatdorf herbei. Dabei dampft das Wasser auf dem holzbeheizten Herd. Du, liebe Auguste Eichler, du hattest als „Hofefrau“, als Dominialarbeiterin, keine Reichtümer erwerben können, aber dein Herz schlug auf dem rechten Fleck, und so warst du als Schauspielerin bei unseren Gemeindeabenden immer hinreißend gut, uns alle mitreißend mit deinem Frohsinn.

Deine Hände sprechen vom Rübenverziehen und Kartoffellesen, vom Futtermischen und Wäschewaschen ... Jetzt aber formen diese Hände hier in der kärglichen Fremde ein Gebilde aus gekochten Kartoffeln, Mehl und ein wenig Wasser: Klöße, schlesische Klöße!

„Übernachten – natürlich koanste doas hier bei uns in der Stube, mir rücke eben zusamma!“ Und dann sitzen wir vier am Tische, auf dem eine Schüssel steht, gefüllt – womit? Unser Verstand weiß: mit einer Mischung aus den Elementen Kartoffeln, Mehl und Wasser. Aber unser Herz sieht mehr, unser Mund schmeckt mehr: Wir essen wohlgeformte Klöße, schlesische Klöße, wir essen in uns herein ein Stück Heimat. Elend, Fremde, Verlust – ja! Doch ein Hauch von Geborgenheit rührt an unsere Seele, beinahe als wär er nicht von dieser Welt.

Einige Texte wurden für den Druck gekürzt. Die vollständigen Fassungen und weitere Geschichten finden Sie auf unserer Internetseite:

www.tagesspiegel.de/erzaehlwettbewerb

In den kommenden Tagen erscheinen zwei weitere Seiten mit Lesergeschichten.

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