Berlin : AUMA: Kara ben Nemsi auf Messetour

Andreas Conrad

Afrikanische Rechtpflege? Den Veranstaltern der "Deutschen Armee-, Marine- u. Kolonialausstellung Berlin 1907" fiel dazu nur eines ein: "Der Scheik spricht ein Todesurteil." Zuvor hatte der Muezzin zum Gebet aufgerufen, später folgten "unverbrennbare und unverwundbare Fakire", "maurische Barfusstänzerinnen", sogar ein "Überfall der Karawane durch feindliche Reiter, Sklavenraub und Befreiung". Der Eintritt fürs Kulturprogramm kostete zwischen 50 Pfennig und einer Mark, "Militär und Kinder die Hälfte".

Heutigen Besuchern des AUMA (so die Abkürzung für den Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft e.V.) dürfte der Gedanke an Kara-ben-Nemsi-Exotik fernliegen. Die Anfang Juli frisch bezogenenen Büroräume in der Littenstraße 9 in Mitte bergen jedoch neben der Normalität deutschen Messewesens allerlei historische Kuriositäten, entpuppen sich überraschend als Fundgrube der Kultur-, Sozial- und Politikgeschichte. Vor vier Jahren ging der damals in Köln ansässige AUMA daran, seine locker angehäufte Archivalien zu ordnen. Mit dem Umzug nach Berlin, für Lobbyisten obligatorisch, kam auch die Bibliothek, ein überschaubarer Zuwachs, dessen Gehalt an bibliophilen Kleinodien aber erschlossen ist.

Wer weiß schon noch vom Messegelände nahe dem S-Bahnhof Friedenau, auf dem zu besagter Messe eigens ein "Bhf. Lome der Togobahn" aufgebaut worden war. Die Deutsch-Afrikanische Bank in der Potsdamer Straße 10/11 ("mit Zweigniederlassung in Daressalam") empfahl sich im Katalog für alle Bankgeschäfte mit dem Deutsch-Ostafrikanischen Schutzgebiet. Die Patzenhofer-Brauerei lockte mit dem "Export tropensicherer Biere", die Westafrikanische Pflanzungs-Gesellschaft "Bibundi" dagegen war mit Kakaobohnen, Schmetterlingen sowie einem ausgestopften Krokodil präsent.

Fast noch prunkvoller geht es im Katalog der Berliner Gewerbe-Ausstellung von 1896 im Treptower Park zu, einer Art Ersatz für die Weltausstellung in der Reichshauptstadt, die unter anderem am Desinteresse Wilhelms II. gescheitert war. Neben sieben großer Prachtbauten für die Aussteller hatte man "Alt-Berlin" als Schaustraße aufgebaut, dazu ein Areal "Kairo" mit Moscheen und Pyramiden sowie ein Alpenpanorama. Von eher sozialgeschichtlichem Interesse ist der rückblickende Fotoband über die Große Polizeiausstellung 1926 auf dem Messegelände am Kaiserdamm. Selbstverständlich war der Hauptmann von Köpenick in Wachs vertreten, auch das Zimmer des Massenmörders Haarmann hatte man aufgebaut. Es gab Gruseliges wie ein "Mord-Diorama" der Kriminalpolizei und Sittsames, etwa ein Plakat zur "Bekämpfung der geheimen Nackttanz-Veranstaltungen" rund um die Friedrichstraße, das in der Mahnung gipfelte: "Der fleißige Berliner geht zeitig schlafen. Der Gast aus der Provinz muss bummeln."

In der Bibliothek findet man diese eher zufällig zusammengetragenen Kostbarkeiten unter "Antiquariat". Systematisch hat man Messeliteratur nach 1945 erfasst, sodann Aufsätze, Zeitschriften, Dissertationen, Diplomarbeiten, was das Fachstudenten gerne nutzen. Bis zu 400 Besucher kommen pro Jahr. Der AUMA, 1907 in Berlin als "Ständige Ausstellungskommission für die Deutsche Industrie" gegründet, beschäftigt sich nicht nur mit der Kontaktpflege zwischen Staat und Messewirtschaft, sammelt auch international Informationen über Ausstellungsmöglichkeiten oder hilft bei Auslandspräsentationen der deutschen Wirtschaft. Lauter nützliche Dinge, doch wer lange genug die Blibliothek durchstöbert, erhält selbst Antwort auf die nie gestellte Frage, womit man in den kaiserlichen Hofhaltungen Ungeziefer vorbeugte: Laut einer Annonce im Katalog zur Messe "Die Frau in Haus und Beruf" 1912 schwor das Ober-Hofmarschallamt auf "Dr. Weinreichs Mottenäther".

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