Berlin : Aus allen Rohren

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VON TAG ZU TAG

Bernd Matthies über Wintersport

in der erwärmten Hauptstadt

Manche Dinge vermisst man, ohne es zu wissen. Zum Beispiel den Wintersport in Berlin. Nur noch ältere Eingeborene (West) werden sich vage daran erinnern, dass es am Teufelsberg mal eine Sprungschanze gegeben hat, und der Parallelslalom mit Ingemar Stenmark dortselbst ist praktisch Expertenwissen für Telefonjoker. Denn wir haben uns ja längst dran gewöhnt, dass ein normaler hiesiger Winter allenfalls noch für ein paar harmlose Auffahrunfälle reicht.

Aber von wegen. Die zivile Nutzung der Schneekanone in Verbindung mit der Publicitygier unserer Unterhaltungssender bringt den Winter, wie er früher einmal war, jetzt in die Stadt zurück. Nicht an den vergessenen Teufelsberg, versteht sich, denn der ist in seiner Provinzialität nicht mehr TV-tauglich. Aber am Brandenburger Tor ist jederzeit alles möglich, zumal unsere Offiziellen längst wissen, dass Hauptstadtmarketing ohne Halligalli rund um die Uhr nicht mehr zu machen ist. Schnee aus allen Rohren, dazu hüpfende Promis und ein paar gemeinnützige Damen mit Hut, die für frierende Obdachlose sammeln – und alle sind zufrieden.

Nur sind 20-Meter-Sprünge nicht metropolentauglich. Fürs Erste reicht´s – aber spätestens 2004 sollten wir doch mal überlegen, ob das Brandenburger Tor nicht längst zu klein ist für das große Berlin. Wie wäre ein Neubau mit integrierter Schanze?

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