Berlin : Aus Angst vor Räumung": Tablettenmix für die Familie

Katja Füchsel

Schulden lassen sich zuweilen verdrängen, doch die Halteverbot-Schilder der Möbelpacker vor der Tür waren unübersehrbar: Am nächsten Morgen um 8 Uhr würden die Männer anrücken, um die Wohnung ihrer Familie zu räumen. Das Ehepaar hatte seit einem Jahr keine Miete gezahlt. Mit jeder Stunde muss sich die Verzweiflung von Michaela M. an jenem Abend gesteigert haben. Schließlich sah die Wilmersdorferin offenbar keinen anderen Ausweg mehr: In der Nacht zum 2. August beschloss die 39-Jährige, ihren Mann und ihre drei Töchter, damals 8, 12 und 14 Jahre alt, zu töten. Aus Angst vor der Zwangsräumung.

Statt der Möbelpacker hielten am nächsten Morgen Notarztwagen und Polizeiautos vor dem Eckhaus in der Ahrweilerstraße. Jetzt wird sich die Justiz mit der Familientragödie beschäftigen: Am heutigen Dienstag beginnt der Prozess gegen Michaela M. vor dem Moabiter Kriminalgericht. Der Staatsanwalt geht davon aus, dass Michaela M. in jener Nacht von Verzweiflung getrieben war. Am Abend habe sie aus Angst vor der Zwangsräumung einen Mix aus Schlaf- und Beruhigungstabletten in Apfelsaft aufgelöst und diesen an ihre Familie verteilt. Als die Kinder und ihr Mann in die Bewusstlosigkeit geglitten waren, schnitt die Mutter den Schlafenden zusätzlich die Pulsadern auf. Anschließend verließ Michaela M. fluchtartig die Parterre-Wohnung, fuhr zu ihren Verwandten, wo sie die Tat beichtete. Als die von ihrem Bruder alarmierte Polizei in der Ahrweilerstraße eintraf, kam für den 40-jährigen Hauswart jede Hilfe zu spät; er war laut vorläufigen Gutachten an seinem Erbrochenen erstickt. Die drei Kinder konnten von der Feuerwehr rechtzeitig gerettet werden.

Auch, wenn die Mädchen und ihr Vater den aufgelösten Tablettenmix völlig arglos tranken, lautet der Vorwurf des Anklägers nicht Mord, sondern Totschlag. "Der Frau fehlte bei der Tatausübung die feindliche Willensrichtung", sagt Justizsprecher Sascha Daue. Michaela M. galt nach der Tat selbst als selbstmordgefährdet. Sie sitzt seit ihrer Festnahme im August in Untersuchungshaft. Das Urteil im Prozess gegen die 39-jährige Wilmersdorferin wird Anfang Februar erwartet.

Die drei Mädchen sind nach Angaben des Wilmersdorfer Jugendstadtrats Reinhard Naumann nach wie vor in einer "sehr kleinen und sehr behüteten Einrichtung" des Bezirks untergebracht. Die Erzieher leben in der Wohngemeinschaft und gewährleisten damit eine Rund-um-die-Uhr-Betreung. "Das hat sich gut entwickelt", sagt Naumann. Der Zustand der Kinder sei "stabil", auch in der Schule gebe es keine Schwierigkeiten. Das Jugendamt hatte wenige Tage nach der Tragödie Kontakt zu der Mutter aufgenommen. "Sie hat zugestimmt, dass die Kinder in der Einrichtung bleiben", sagte Jugendamtsleiterin Uta von Pirani.

Es gilt als nicht ausgeschlossen, dass die Mutter nach verbüßter Strafe ihre drei Töchter zurückbekommt. "Sie hat weiterhin das Sorgerecht", sagt Naumann. Weil eine Familienzusammenführung denkbar sei, hatte das Jugendamt von Anfang an abgelehnt, den Kontakt zwischen Mutter und Töchtern zu unterbinden. Inzwischen pflege Michaela M. regelmäßigen Kontakt zu ihren Kindern, "mehrmals im Monat".

Naumann bezeichnet den Fall als besonders tragisch, da Michaela M. nur vor einer vermeintlich ausweglosen Situation gestanden habe, als sich der Gerichtsvollzieher ankündigte. "Wir sind immer in der Lage, einer Familie in einer solchen Situation Lösungswege aufzuzeichnen."

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