Berlin : Aus Berlin, Mississippi

Boss Hoss erobern die Insel: Ihre erste große Tour durch Großbritannien hat in London begonnen

Markus Hesselmann[London]

An den Wänden hängen Bilder und Namenslisten der Bands, die hier schon aufgetreten sind. Superstars wie Oasis oder R.E.M. haben einst im Londoner Borderline-Club gespielt. Jetzt sind Boss Hoss, die Berliner Countrypunks, hierher gekommen. In Deutschland kennt sie inzwischen fast jeder. Und auch auf der Insel haben sie immer mehr Fans. „Wir sind zum dritten Mal hier“, sagt Sascha Vollmer, alias Hoss Power, Gitarre und Gesang. „Und jedes Mal waren mehr Leute da“, sagt Alec Völkel, Boss Burns, Gesang. Diesmal ist der Laden ausverkauft. 300 Fans drängen sich zwischen Bar und Bühne. Mit viel Holz verbreitet der Borderline-Club die Atmosphäre eines Western-Saloons. Auch von außen: Die Blockhüttenfassade wurde in einen Hinterhof von Soho zwischen die Häuser geklemmt. Außerhalb von Dodge City passen wohl nur wenige Clubs besser zum Boss-Hoss-Programm.

Doch das hier ist London, die bunte, schillernde Musikmetropole. Entsprechend gemischt ist das Publikum. Die Rockabilly-Szene der britischen Hauptstadt ist vertreten, erkennbar an Tolle und hochtoupierter Frisur. Dazu echte Countryfans mit Stetson und Willie-Nelson-T-Shirt, sowie Punks und bebrillte Britpopper. Und natürlich jede Menge Fans ohne bestimmten Stil, die mit den sieben Musikern einfach nur eine gute Party feiern wollen. Die bekommen sie garantiert bei Boss Hoss. Von den ersten Akkorden bis zur Zugabe – einer Speedcountry-Version des Cameo-Klassikers „Word Up“ – ist der Abend eine bier- und schweißdurchtränkte Tanzorgie.

Während bei den meisten anderen deutschen Bands, die in Großbritannien auftreten, fast nur deutsche Fans kommen, ist das Publikum bei Boss Hoss erstaunlich international. Eine Recherche der Band selbst von der Bühne aus – „wer ist aus England? wer aus Deutschland? wer kommt woanders her?“ – ergibt von der Lautstärke der Reaktionen her in etwa eine Drittelung.

Philip Homatidis trägt zwar Schuhe mit dem Muster und den Farben des Union Jack, der britischen Flagge. Doch er ist Amerikaner. „Meine Frau ist Britin“, sagt Homatidis. „Deshalb lebe ich hier.“ Auf seiner Gürtelschnalle steht der Boss-Hoss-Schriftzug, auf seinem T-Shirt hebt sich weiß von schwarz der Totenkopf des FC St. Pauli ab. Boss Burns und Hoss Power tragen schließlich auch das Erkennungszeichen des Hamburger Fußballklubs mit der Punkrock- Aura. „Ich bin im Internet sowohl auf Boss Hoss als auch auf St. Pauli gestoßen“, sagt der amerikanische Fan. Was gefällt ihm so sehr an der Band? „Vor allem ihr Humor, würde ich sagen.“

Zum Beispiel, dass sie sich als Band „from Berlin, Mississippi“ ankündigen. Während der Show gibt es immer wieder Anekdoten aus jenem idealtypischen Ort, in dem die Spree in den Mississippi mündet. Zum Beispiel die Geschichte von Plastic Bertrand, dem französischen Urpunk, dem es so gut gefiel in der Heimatstadt der Band. Er war dort, um mit Boss Hoss einen Song aufzunehmen. Und dann fegt „Ca plane pour moi“, die neue Single der Band, ursprünglich 1977 herausgebracht von ebenjenem Plastic Bertrand, wie ein Sturm über die Londoner Fans – auch wenn Plastic Bertrand selbst nicht mit auf der Bühne steht.

„Wir waren mit ihm bis fünf Uhr morgens im Kaffee Burger“, hat Alec Völkel vor der Show über den Berlin-Besuch des Franzosen erzählt. „Er wollte gar nicht mehr weg. Plastic, wir müssen morgen aufnehmen, habe ich zu ihm gesagt.“

Es hat etwas Ironisches, dass Boss Hoss’ erste Single in Großbritannien in französischer Sprache erscheint. Doch ihrer englischen Plattenfirma gefiel die Idee. Natürlich leben Boss Hoss auch vom Exotenbonus. Aber überhaupt eine Plattenfirma und einen Tourveranstalter im Mutterland des Pop zu haben, ist für eine deutsche Band immer noch etwas Besonderes. Das Konzert in London war nur der Anfang. Es folgen Cardiff, Liverpool, Glasgow und andere Städte. „Wir machen hier zum ersten Mal eine richtige Tour“, sagt Alec Völkel. „Drei Wochen. Das ist schon was anderes als mal zu ein, zwei Konzerten rüberzukommen.“Markus Hesselmann, London

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar